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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 28

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 28 (sequence 28)
Language
German
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—----„.— ..L-.,. _,-y-.— __ Ä ' Dr. Wiener-Stettin andres als fatalistisches Hingegebensein und passive Verharrung in gottgewollter Abhängigkeit. Das religiöse Gefühl hat im Judentum aufs Allerstärkste die Richtung auf die Träger des jüdischen Geistes, auf das jüdische Volk. Wir denken beim Sch’ma Isroel gewiß weniger an den durch die Philosophie zur Reinheit geläuterten Gottesbegrtsf, als an die Bedeutung,- welche dieses Bekenntnis für das Martyrium unsres Stammes hatte. Die Offenbarung am Berge Sinai erschließt sicher der Seele die Weite und Unbegrenztheit der für die ganze Menschheit gültigen sittlichen Idee. Aber wir vergessen doch auch keinen /Augenblick, daß unsre Väter es waren, welche diese Wahrheit der Welt gekündet; und dieser Stolz, dieses Hochgefühl, das uns, den Enkeln der Ahnen, das Herz, erfüllt, ist eine religiöse Empfindung ersten Ranges. „Du hast uns auserwählt aus allen Völkern!" Die Pessachgeschichte ist uns nicht Symbol für Befreiung überhaupt, die Gott gequälten Menschen schenkt; sondern unsre Väter — so meinen wir's doch — wurden aus Aegypten erlöst, und das Martyrium, das uns Juden als Juden immer getroffen, löste es nicht eine unmittelbar religiöse Empfindung aus, das Bewußtsein des Zusammenhanges jüdischer Menschheit? Solche Stimmungen, die an das konkrete, historische, leibhafte, blut- und qualvolle Leben jüdischer Wirklichkeit sich anklammern, sie machen die Stärke unsrer jüdischen Empfindung aus. Sie sind auch religiös in der eigentlichsten Bedeutung des Wortes; denn sie beziehen sich auf unsre Realität, die wir als eigene, jüdische, sich von aller Welt abhebende, durch Gott geboten empfinden und ewig bejahen. Damit ist auch das Mißverständnis aufgeklärt, auf das Kollege Baeck hinwies. Denn Geschichte geschieht jq nicht bloß an den Menschen; die Menschen wirken'sie. Und das war von mir mit dem jüdischen Leben gemeint. Es gibt ein großartiges historisches Beispiel, welches zeigt, wie im wirklichen, d. h. nicht zurecht gemachten Judentum die Kraft des Lebens über die Kunst spekulativer Systembtldung siegt. Salomon ibn Gabirols „religiynsphilosophisches" Werk konnte sieben Jahrhunderte hindurch als die Leistung eines Nichtjuden gelten, bis die gelehrte Forschung den Irrtum aufklärte. Derselbe Salomon ibn Gabirol aber ist neben Iehuda Halewi unser größter religiöser Dichter. Wenn wir zu Gabirol Spinoza stellen, so werden wir sagen, daß die metaphysischen Spekulationen des einen wie des andern mit dem Judentum recht wenig zu tun habe?.. Und doch ist Gabirol in seinen gottesdienstlichen Gesängen ein erhabener Dolmetscher innigster jüdischer Empfindung. Spinoza aber ein arger Widersacher, der böse Feind und Ankläger unsres Stammes und unsrer Art. Wie kommt das? Wie ist es möglich, in der philosophischen Weltanschauung in der theologischen Spekulation als Nichtjude zu erscheinen und im persönlichen Erlebnis, in der Hingebung des Herzens der treuste Sohn unsres Glaubens und unsres Wesens zu sein? Es gibt keine andre Erklärung dafür als die: ein andres ist Wesensverwurzelung mit der Seele seines Volkes, Einsgefühl mit dem Herzen seiner Brüder, ein andres theoretisierende Konstruktion, in der der freischaffende Intellekt im luftleeren Raum des Denkens von aller Erdgrundlage sich loslösen kann. Die Phantasie des Denkens, die Kraft reiner Begriffsschöpfung besaßen beide. Sie führte sie über alle Erdbestimmtheit hinweg. Aber in Gabirol loderte das Feuer einer heißen jüdischen Seele, das in dem Warannensprößling längst , erkaltet war. Und so lebte jener ein Judentum, ohne sich daran zu stoßen, daß er es nicht dachte. Und wir — vermögen auch nicht uns daran zu stoßen. Diesen grundsätzlichen Erwägungen gegenüber erscheint es üicht so erheblich, ja aus einer wesenhaft liberalen Gesinnung heraus gar nicht ratsam, noch einmal den Streit auf- __ zurühren, der eiü Jahrhundert lang gegen das starre Festhalten an jedem Titelchen im Gesetz mit der Orthodoxie geführt wurde. Von der unerläßlichen Notwendigkeit einer gewissen Bindung der schwachen und zerstreuten jüdischen Gemeinschaft durch Ritus und Zeremoniell muß jeder überzeugt sein, der die Erhaltung der jüdischen Menschen zum Zwecke der Erhaltung des jüdischen Geistes wünscht. Das Mehr oder Weniger ist Sache der Zweckmäßigkeit. Und der Liberalismus besteht eben darin, das Gleitende und Fließende, das Relative und Zufällige in den äußeren Gestaltungen des religiösen Gemeinschaftslebens an», zuerkennen. Irgend ein brennendes Gegenwartsproblem sehe ich in diesem Streit nicht mehr nach Ausdruckringen; er ist nicht mehr.

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