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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 27

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 27 (sequence 27)
Language
German
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o o O O' Dr. Wiener-Stettin 27 'heit des Traditionalismus, der Orthodoxie, die als nicht „zeitgemäß" unklar gefühlt wird. Kollege Kellermann tat recht daran, dieser Versammlung die Lehre Hermann Cohens vor Augen zu halten. Das gebietet nicht bloß die Pflicht der Dankbarkeit gegen diesen Denker, die ihm jeder Jude schuldet, der nach ihm bemüht ist, den Gehalt des jüdischen Geistes zu philosophischer Klarheit zu erheben. Sondern dieser Hinweis wird durch den Sinn und die Richtung der hier von uns vertretenen Auffassung unmittelbar gefordert, freilich in der Bedeutung, daß uns Cohens Lehren von der Religion im allgemeinen und von -der jüdischen im besonderen völlig als Konstruktionen aus rein philosophischem Systematisierungsbedürfnis heraus erscheinen. Diese philosophische Religion, die als Ethik oder vielleicht philosophische Geschichtsbetrachtung ihr Recht haben kann, verhält sich zu den Tatsachen der wirklichen Religiosität, die doch auch mindestens dem Keim nach irgendwo anzutreffen sein müssen, so wie etwa eine rein konstruktiv aufgeführte, auf Definitionen, die sich auf einen n - dimensionalen Raum beziehen, gegründete Geometrie zu den Meßtabellen, die der Erbauer eines wirklichen Hauses gebraucht. Es handelt sich um die grundsätzliche Frage: Ist Religion Philosophie, Wissenschaft, oder ist sie es nicht? Wer nun mit. mir der Ansicht ist, daß Religiosität, Frömmigkeit nicht mit wissenschaftlichem Denken über das Göttliche zusammenfällt, sondern in einer ganz eigenen Bewußtseinssphäre, nämlich in der eines ganz spezifischen Lebens beruht, d. h. einer in ihrem - innersten Kern von allem sonstigen Bewußtsein der Wirklichkeit gänzlich unterschiedenen inneren Erfahrung, einer Erfahrung, die in , der Geschichte Offenbarung heißt, der muß mir Recht geben, wenn ich die Einseitigkeit einer Auffassung bekämpfe, welche die vielleicht zulässige Deutung und Umbiegung des frommen .- Bewußtseins in ein System der Weltanschauung als das Wesentliche oder gar als das Ganze der Religion hinstellt. Will man das Auszeichnende der liberalen Anschauung aber etwa darin sehen, daß sie eine Art Religion aus reiner Vernunft ist, so scheint die Grenze zwischen ihr ünd der Wissenschaft völlig verwischt. Das ist .ein Standpunkt, der gerade dem modernen noch irgendwie vom religiösen Gedanken berührten Juden gewiß nicht fremd, wohl gar sympathisch ist. der aber falsch erscheint, weil in bezug auf die Urtatsache des Religiösen, wie es sich etwa klassisch in dem Offenbarungserlebnis des Propheten ausspricht, es gar nicht auf die Vernünftigkeit, auf die Rationalisierbarkeit ankommen kann, sondern im Gegenteil, weil hier Religion in ihrem eigensten Sinn, der nie preisgegeben werden darf, durchbricht als Göttliches, als Uebernatur, als Unirdisches. Daß der Inhalt der Offenbarung: die Einzigkeit Gottes, der sittliche Dienst am Menschen, der positive Sinn des Menschheitslebens, oder welche Lehren man immer aus dem Gehalt der Offenbarung ableiten mag, mit dem von autonomer Erkenntnis Gelehrten übereinstimmt, — darüber mag der Jude, wenn er seinen „Glauben" mit dem christlichen vergleicht, eine Genugtuung empfinden, er mag das als eine Art „prästabilierter Harmonie" auffassey, wenn Glauben und Wissen so trefflich zusammenstimmen; aber das ist erst eine cura posterior. Die Hauptsache bleibt, —und zwar für jede Anschauung, die noch irgendwie religiös heißen darf — daß die Eigentümlichkeit gotterfüllter Herzensandacht sowohl von religiös gestimmter Metaphysik wie von Ethik unterschieden werde. Werfen wir einen Blick auf des Maimonides' Versuch, den Gehalt des Judentums zu dogmatisieren! Das war echt liberal in dem Sinne, 'wie er hier beanstandet wird. Die Reinheit des Gottesbegriffs, Äie die Attributenlehre sie gesichert, sollte glaubensmäßig festgelegt werden. In nichts unterscheidet' sich dieser Glauben vom Wissen, von der Wissenschaft. Religion zeigt sich bei Maimonides viel mehr dort, wo in ihm ein Funken von dem mystischen Feuer aufzuckt, daß er durch die Teilhabe atz der Wirksamkeit des tätigen Intellekts vom Göttlichen»in die ewigen Arme genommen werde, als da, wo die subtil« Spekulation der Gottheit negative Attribute beilegt; es sei denn, daß man in dem heiligen Eifer, der höchsten Erkenntnis zu dienen, die gottrunkene Seele erkennt. Wenn wir von dem Leben des sich gotterwählt fühlenden jüdischen Volkes als der wahrhaft religiösen Funktion im Unterschiede' zu den Gedanken der religiösen Metaphysik und Geschichtsphilosophie geredet haben, welche viele Seelen als Surrogat eigentlicher Frömmigkeit erfüllen, so bedeutet das.doch etwas

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