Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 25 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126612-3126613--2741-3129605
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. Baeck-Berlin — Dr. Kronheim- Bielefeld — Dr. Blumenthal-Berlin 25 dies: Gott befiehlt also koscher-essen, und sagt dazu: Das glaube ich nicht mehr! Gewöhnlich wird deshalb ein einfacherer Gedankengang nötig sein, — der natürlich an sich ebenfalls richt-ig sein muß. Und der heißt für mich: Die Iudenheit ist nicht bloß eine Religionsgemeinschaft, sondern auch ein Selbst-, wert! Diese über die Welt zerstreute und politisch und kulturell so verschiedenartig orientierte Gemeinschaft könnte sich nimmer als Einheit fühlen, wenn sie nur durch ihr Religionssystem zusammengehalten würde. Abstammung und Geschichte und ein gewisses je ne 83>8 quoi schmieden uns untereinander und mit unseren Vätern und Nachkommen zusammen; und eine solche Gemeinschaft bedeutet mehr als ein Mittel, und wäre es selbst für das Heiligste und Wichtigste: Jude sein ist ein Wert an sich! Dann aber kann ich auch sagen: Die Iudenheit befiehlt! Wie heute die Menschen gesonnen sind, glaube ich, werde:: sie eine religiöse Begründung, warum man Jude sein solle, weniger akzeptieren, als die nackte Tatsache, daß sie Juden sind; und was sie der Religion nicht bewilligen, der an sich als heilig empfundenen Brudergemeinschaft wohl bewilligen. Ganz gewiß ist eine Massensuggestion für die Iudenheit leichter als für die jüdische Religion zu schassen! Mir scheint, wir liberalen Rabbiner sollten daraus die Konsequenz ziehen und das jüdische Gemeinschaftsgefühl als Selbstwert Pflegen und diesen Strom dann auf die Mühle der Religion leiten,i während wir meistens, und so ganz besonders Kollege Kellermann, umgekehrt verfahren! Mir scheint das nicht so verächtlich, wie die philosophisch Gerichteten unter uns vorgeben. Denn das Gemeinschaftsgefühl scheint auch mir etwas Heiliges zu sein, einen stark religiösen Beigeschmack zu Haben. Alle Idealismen sind schließlich innerlich verwandt und stärken sich gegenseitig. Und wenn : ich auch weiß, daß das sittlich-Gute ein höheres und umspannenderes Ideal ist, — was nützt es. mir, wenn es niemanden begeistert und das Judentum dabei zu Grunde geht! — Als die Titanic unterging, ries der Kapitän in die allgemeine Panik nicht: Seid tapfer, bewährt ,euch als Menschen! Sondern: zeigt euch als Briten! Die kleine Gruppe hat mehr erzieherische Bedeutung als die Allgemeinheit, die Menschheit! So wird der jüdische Liberalismus erst positive - ' - r'X Begeisterung zünden, wenn er nicht mehr sagt: seid liberal! oder: erfüllt prophetische Menschheitsreligion! sondern: seid Juden! Dr. Baeck-Berlin bemerkt zu den Ausführungen Salomonski's und Fuchs', daß wir bisher nicht darunter gelitten haben, daß wir zu viel, sondern darunter, daß wir zu wenig gedacht haben. Am tiefsten haben nicht die' gewirkt, die sich vollständig klar ausgedrückt haben. Kant und Marx z. B. haben Welten bewegt, und doch waren sie schwer verständlich. Auch die Briefe des Paulus und die Propheten sind keine Nachmittagslektüre. Wir können unseren Gemeinden nur dann etwas geben, wenn wir selbst etwas haben. And wer etwas hat, muß es sich schwer erarbeitet haben und den Schweiß der Gedankenarbeit verrät die eigene Prägung der Sprache. Was das Urteil über die Erfolge des liberalen Judentums betreffe, so schießen manche Vorredner über das Ziel. Dem Liberalismus verdanken wir vieles, was heute als selbstverständlich angesehen ist, wir verdanken ihm vor allem die gottesdienstliche Kultur. Dr.. Kronheim - Bielefeld: Wir leben in einer Zeit großer geistiger Not. Mit den letzten geistigen und religiösen Problemen müssen wir uns beschäftigen. Wo aber haben wir, die wir in Provinzstädten leben, Gelegenheit uns auszusprechen? Wo Gelegenheit das aufzunehmen, was wir seelisch habey müssen, um das wir innerlich kämpfen? Daheim haben wir höchstens Bücher, aber keine Aussprache, in der letzte Probleme in ihrem Für und Wider behandelt werden so wie in dieser Diskussion, die auf außergewöhnlichem geistiger Höhe steht. Wir müssen regelmäßig und oft Zusammenkommen. Mne Frage, deren Behandlung sehr erwünscht wäre, ist auch der Buddhismus. Dr. Blumenthal- Berlin: Unsere jüngeren Kollegen haben uns heute ihre Wünsche nach einer Erneuerung der Grundlagen des jüdischen Liberalismus ausgesprochen. Das ist gewiß ihr gutes Recht. Wenn sie aber zur Begründung ihrer Wünsche die Bestrebungen und Leistungen des liberalen Judentums, wie wir alle es in unseren „Richtlinien" skizziert und bisher in Shnagoge, Schule und Leben vertreten haben, einer überscharfen Kritik unterzogen haben, wenn der Kollege Wiener in seinen gedruckten Thesen von einem Miß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.