Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 24 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126612-3126613--2740-3129604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. Fuchs-Chemnitz o o o o 'n Amweg scheint mir zu heißen: die Iudenheit, die jüdische Menschengemeinschaft! Die Iudenheit hat von jeher in unserer Religion eine große Rolle gespielt. Es wäre vielleicht eine dankenswerte Aufgabe, diese Rolle einmal ausführlich darzustellen, hier brauche ich nur mit einem Worte darauf hinzudeuten, daß von jeher unterschieden worden ist zwischen dem universalen Teil in unsrer Religion, den Glaubenslehren und allgemein religiösen und moralischen Geboten gegenüber den spezifisch jüdischen Religionsvorschriften, zwischen den Mizwoth schimioth und sichlioth. Der Liberalismus hat in Aebereinstimmung mit den bedeutendsten Lehrern aller Zeiten, — ich brauche das in diesem Kreise ja nur anzudeuten — immer die sichlioth für das Wesen und wichtigste erklärt und das Zeremonial als das Hilfsmittel, um Sittlichkeit und Herzensfrömmigkeit zu schaffen resp. zu fördern. Und als die „Richtlinien" entstanden, glaube ich selbst zu meinem Teil genug dazu beigetragen zu haben, daß dieser Unterschied eine neue praktische Anwendung erfuhr, indem ich ihn als Kriterium dafür benutzte, welche „Erscheinungsformen", wie man dort sagte, welche Kultvorschriften heute noch giltig bleiben müßten, nämlich diejenigen, welche eben noch heute imstande sind, moralisch und religiös zu erziehen. Dadurch kam ich auf die Dreiteilung, welche dann in veränderter Form in den § 8 der Richtlinien ausgenommen wurde, Individuum, Familie und Religionsgemeinschaft. Da spielt also schon-die Iudenheit eine gewisse Rolle: Da sie die Trägerin unsrer Religion ist, so wird .dort mit Recht gefordert, daß auch diejenigen Zeremonien bleiben müssen, welche die Erhaltung der Gemeinschaft und das jüdische Gefühl fördern. Das bedarf nun, wie mir heute scheint, einer doppelten Korrektur! Diese Gebräuche, die der Erhaltung der Gemeinschaft dienen — also Koscher-essen (z. T.). Mazzoth, T'fillin, Sabbath z. T., etc. — ich will es kurz das nationale Zeremonial nennen — Sie wissen, daß ich das nur cum grano salis meine, nicht im zionistischen Sinne —, sie werden heute am wenigsten gehalten; sie sind ja auch im System der Religion am meisten peripherisch! Was aber im System weniger wichtig, ist es deshalb noch nicht in der erzieherischen Praxis. Im Gegenteil: Griffe und Paradeschritte beim Militär., haben für die kriegerische Tüchtigkeit vielleicht gar keine Bedeutung gehabt, aber für den Geist des deutschen Heeres waren sie vielleicht die beste Grundlage! So auch das nationale Zeremonial! Wenn im Mittelalter die Juden das Martyrium auf sich nahmen, so starben sie zwar der Idee nach für die Reinheit des Monotheismus. Aber wer weiß, ob, die Idee allein die Kraft gehabt hätte, so viele für das Martyrium zu begeistern, wenn sie nicht mit der Taufe das ganze ihnen so liebe und vertraute jüdische Leben, und das heißt doch: das nationale Zeremonial hätten aufgeben müssen! Für mich ergibt sich aus diesen und ähnlichen Gedankengängen die Notwendigkeit, daß wir liberalen Führer uns weniger systematisch als Pädagogisch einst e l l e n müssen, und der Masse wieder die Dinge mehr ans Herz legen müssen, welche das spezifisch ^Jüdische betonen. Wir selber halten sie ja für uns wohl fast alle! Wenn wir immer sagen: Die Mizwoth sichlioth sind die Hauptsache, so heißt das ja: Das Judentum ist innerlich weiter nichts als reines Menschentum. Dazu aber braucht man die Last des Judentums nicht auf sich zu nehmen: Das kann man auch als Dissident, ja selbst als liberaler Christ pflegen! And so stärkt dieser Gedankengang nur die zentrifugalen Kräfte! Wir — nennen wir es meinetwegen: die positiv Liberalen — haben die zentripetalen Kräfte um jeden Preis zu stärken. Wir müssen uns wieder daran erinnern, daß das Massiv des Berges einen breiteren Raum einnehmen muß als der Grat, der doch den Ruhm des Berges ausmacht —, daß der Vorhof des Tempels größer sein muß als das Allerheiligste. Das liberale Judentum hat die Basis zu schmal gemacht, darum ist die Spitze umgekippt! Nach der Kultusstürmerei mußte der. Indifferentismus kommen. Die Masse begeistert sich nicht dauernd für Ideen, ihr Herz hängt am Konkreten. Wir haben deshalb für dasjüdische Leben wieder mehr einz u t r e t e n! Das aber kann nun zweitens nicht so geschehen, daß wir immer den ganzen Gedankengang aufrollen: Für Gott, und darum für die Moral, und darum für das Göttesvolk, und darum für das Zeremonial, also letzten Endes-rituelles Essen doch auf Gottes Befehl! Der einfache Mensch hört davon doch nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.