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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 23

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
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o o o o Dr.. Fuchs- Chemnitz 2S dernisse aus dem Wege geschafft. Er hat auch in den ersten Jahrzehnten eine gewisse Begeisterung für die Befreiung aus dem Talmudismus bei manchem erzeugt. Aber daß der sogenannte positiv gerichtete Liberalismus der letzten Jahrzehnte Begeisterung für Judentum und Religion überhaupt geschaffen hätte oder eine Vertiefung in Gedankeninhalt und Schriften des Judentums oder auch nur eine tiefere idealistische Gedankenrichtung und Lebensführung, — das kann ich beim besten Willen nirgends entdecken! Taufe und Mischehe grassieren schlimmer von Jahr zu Jahr, unsere Synagogen werden leerer von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; daß in den Herzen eine freudige Hingabe an das Judentum lebe, werden Sie wohl ebenso wie ich nur von ganz wenigen Ihrer Gemeinde-Mitglieder sagen können, und fast immer nur von denen, die entweder durch pietätvolle Erinnerung an die Eltern dazu kommen oder durch den Kampf nach außen. Selbst das Interesse, das die Vereine für Geschichte und Literatur eine Zeit lang erregt hatten, ist längst dünn und durchsichtig wie Wasser geworden; die meisten dieser Vereine vegetieren doch kläglich! Ja sogar die Jugendbewegung, die seit einigen Jahren mit so großer Verve eingesetzt hat, habe ich im Verdacht, daß sie mehr dem gesellschaftlichen Ausschluß seitens der antisemitischen Umwelt ihren Erfolg verdankt; von einer lebensvollen Hingabe an jüdische Religion merke wenigstens ich in ihr nur herzlich wenig! Ich habe in meiner Schrift „Gyges — die Iudenheit" versucht, den Grund für diesen Mißerfolg des Liberalismus zu finden, und bin wenigstens meines Wissens noch von niemandem widerlegt worden, wenn ich dort ausführte. daß das Wesen des Liberalismus selbst , schuld daran ist. Nicht bloß das Wort, sondern mehr noch die Sache des Liberalismus bedeutet nun einmal Befreiung von unnützer falscher Bindung; und soviel man auch durch Hinzufügung des Wortes „positiv" dagegen getan hat, er ist doch hauptsächlich in der negativen Kritik stecken geblieben. — Das war ja auch der Grund, warum ich gestern einen andern Namen für unsere Bewegung verlangte, der ein positives Ziel ausdrückt. Ich bin keines Besseren belehrt worden durch meine Gegner. Eine Gasfabrik, die als Nebenprodukt Coks aus der Kohle sthrig behält, nennt man nicht Coksfabrik, sondern eben Gasfabrik: Der Name wird vom Hauptprodukt genommen, nicht vom Nebenprodukt; und eine Bewegung, die positive jüdische Frömmigkeit schaffen will, kann man nicht deswegen Liberalismus und „freiheitliche Richtung" nennen, weil diese positive jüdische Frömmigkeit auf liberaler Grundlage aufgebaut ist, die im übrigen aber bloß eine Form, nicht die Sache bezeichnet. Die Namensänderung ist abgelehnt worden — soviel ich sehe, hauptsächlich aus taktischen Gründen: Den meisten steht der Kampf gegen Orthodoxie und Zionismus noch immer im Vordergrund des Interesses l Hoffentlich lernt die liberale Vereinigung bald, was wir Rabbiner längst wissen: Wirhaben heute andere Sorgen als diesen Kampf: Wir sehen den Untergang des Judentums in Deutschland vor Augen, des ideellen und darum früher oder später aüchs den des jüdischen Menschenbestandes. An diesem Punkte das Rad der Geschichte zum Stillstand und womöglich zur Umkehr zu bringen, das halten wir alle hier für unsere Hauptaufgabe. Darum hat ja auch Kollege Baeck seinem Aufruf neulich die Ueberschrift gegeben: Zur Erneuerung des religiösen Judentums. Ich kann nur wünschen, daß auch in den Kreisen unserer Laienfreunde diese Einsicht sich baldigst durchringe! Der Weg aber, wie dies positiv jüdische Gefühl neu entflammt werden könne, — das eben ist ja unser heutiges Problem, weshalb auch ich noch einmal das Wort ergriffen habe. Denn der Weg, den ich für den richtigen halte, scheint mir zwar mehrfach, besonders von Kollege Wiener angedeutet, aber nicht stark genug betont worden zu sein. Meine Antwort ist natürlich die, welche ich in meinem „Gyges — die Iudenheit" ausgeführt habe. Ich glaube, wir können nicht mit dem Kopf gegen die Wand anrennen, den Berg nicht gradlinig die Böschung hinaufklettern: Unsre Religionsanschauung direkt an den Mann bringen, gelingt nicht, — das lehrt die Erfahrung: Die Massen haben eben kein Interesse für Religion. Die Vertiefung und Reinerhaltung der jüdischen Ideenwelt, wie sie von Geiger bis Cohen durchgeführt ist, hat nichts genützt: Welche Anwendung die Masse davon gemacht hat, wissen wir! Wir müssen uns zu einem Umweg entschließen, um die Masse auf den Gipfel zu führen, und dieser -s.:; & «c- If

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