Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Fuchs-Chemnitz' o & O fr 22 Vernunft nachweiseil zu können. Der Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft antiquierte ein riesiges Gebiet desselben Gesetzes, das bis dahin auch in Deutschland von den religiösen Organen gehandhabt worden war. Der Ersatz konnte allein von einer jüdisch-wissenschaftlichen Theologie geschaffen werden, die das Judentum nicht als Gesetz, sondern als Gottesglauben und Gottesverehrung erfaßte. Vom Messianismus oder Missionismus Abstand nehmen, wie Kollege Wiener wünscht, hieße das Judentum seiner Krone berauben. Das Judentum will mit aller Energie, daß sein Gott der Gott des Himmels und der Erde, der Gott aller Menschen werde, „damit jedes Knie sich ihm beuge, jede Zunge ihm schwöre." Kollege Wiener hat 3 Thesen aufgestellt, denen ich nicht beitreten kann. Nicht von eineni „Mißerfolg", höchstens von einer Krisis des Liberalismus kann gesprochen werden, von den Schwierigkeiten, die sich dem Umsetzen seiner fruchtbaren Ideen in der Wirklichkeit entgegenstellen. Niemals hat der Liberalismus die Vernunft an die Stelle des Glaubens gesetzt,- er hat diesen nur mit jener verbunden; im Leben aber will er der Idee Geltung verschaffen. Ich möchte daher drei andre Thesen anstelle der uns vorgelegten in Vorschlag bringen: 1. Jüdischer Liberalismus als besondere Geistesrichtung im Judentum bedeutet: Das ernste, unablässige Streben, alle lebendigen Kräfte unsrer Religion in stetem Hinblick auf ihre geschichtliche Entwicklung zugleich pietätvoll und vernunftgemäß zu erhalten, ihre heilsame Macht über die Gemüter zu stärken, und ihre wachsende Bedeutung für das Wohl der gesamten Menschheit herbeizuführen. 2. Jüdischer Liberalismus als Gottesidee, Gottgläubigkeit und Gotteserfahrung will lebendige Beziehung zu den Erfahrungen und Ergebnissen alles übrigen Weltwissens pflegen, und ihren Einklang und ihr gemeinsames Fortschreiten fördern. 3. Jüdischer Liberalismus als Verehrung Gottes im Gottesdienst, in kultischem Brauch und frommer Sitte will freimachen von Aeberspannung des Legitimitätsprinzips, von Veräußerlichung und Formenstarrheit; dagegen Kraft und Belebung aus begeisterter Lehre und vorbildlicher Frömmigkeit in Synagoge, Schule und Familie schöpfen? Dr. Salomonski-Frankfurt a. O. vermißt in 4>en Referaten und der Diskussion die klare und allgemein verständliche Formulierung. Dem Grundgedanken Wiener's gegenüber müßte gesagt werden, daß Wiener selbst ein Produkt der Kultur sei, die er negiert. Dr. Fuchs-Chemnitz: Wenn ich in der zweiten Redner-Garnitur noch einmal das- Wort ergreife, so kann ich es nicht in so hohen und schönen Worten tun, wie wir sie heute morgen gehört haben. Wir in der Provinz haben uns von Jahr zu Jahr mehr daran gewöhnt, unsere Sprechweise und auch unsere Denkweise der großen Masse anzupässen, die behauptet,, uns sonst nicht zu verstehen und uns auch so noch oft genug vorwirft, daß wir über die Köpfe hinwegsprechen, sobald wir uns nicht an die herkömmlichen religiösen Begriffe halten. So habe ich auch vorhin schon zu Kollege Kellermann privat geäußert, daß seine philosophischen Deduktionen in Anlehnung an Cohens System für uns unbrauchbar sind, — so wahr sie auch sind und so schön er auch von ihnen zu sprechen weiß. Wir würden damit unsere Gemeinde dem Liberalismus und damit dem Judentum eher entfremden als gewinnen! Er bestreitet das.. Wenn er wirklich, wie er sagt, eine Agzahl — viel können es nicht sein — dadurch der Religion neu zurückerobert hat, so kann ich nur sagen:: Ich beneide ihn darum! Ich könnte das nur Menschen* vorsetzen, welche schon Enthusiasmus für Religion und Judentum haben und die nur ihr Gefühl gedanklich klärest wollen. Gleichgültigen Menschen dadurch Interesse beibringen, gleichsam abnötigen, könnte ich auf seinem Wege nicht. Das aber ist meines Ermessens das Hauptproblem! Wir sind uns ja klar darüber, daß dies, Interesse infolge der materialistischen Philosophie und des praktischen Materialismus unserer Wirtschaftsordnung bei den meisten unserer Gemeinde auf ein Minimum zusammengeschrumpft ist. Der Liberalismushat versucht und will weiter versuchen, wie man sagt, den religiösen Sinn zu heben. Ich kann mir nicht helfen — ich sehe nicht, daß das bisher gelungen ist. Marr kann wohl sagen: Ohne den Liberalismus wäre es noch schlimmer gePprden^ Er hat eine Anzahl Hin--