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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 21

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
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oo o o Dr. Samuel-Essen 21 T - ursprünglich empfinden kann der Mensch nur in der Muttersprache. Jedoch wenn wir die Muttersprache zur Gebetsprache machen, wie kommt dann das Judentum wieder zu seinem Recht? Es ist wieder der gleiche Konflikt zwischen den Lebensnotwendigkeiten des Judentums und dem Bedürfen der religiösen Seele. Ein anderes Beispiel: Die hergebrachte Form der Sabbatheiligung verlangt von uns, daß wir am Sabbat nicht fahren. Nun könnte einer, der den Gottesdienst besuchen will, die Empfindung haben, daß es mehr Heiligung wäre, wenn er den westen Weg statt zu Fuß in der Elektrischen zurücklegte. Gewiß wird es viele Menschen geben, die in dem Fernhalten von allen Dingen, die dem Arbeitsleben dienen, eine religiöse Weihe sehen. Aber wir müssen auch verstehen können, daß für andere Menschen dies etwas religiös Indifferentes ist. Ja, wenn sie gegen ihr Empfinden handeln, das ihnen sagt, daß sie zur Weihe des Sabbats die Fahrgelegenheit benützen müßten, um den Gottesdienst besuchen zu können, dann entsteht ein Zwiespalt zwischen religiöser Erkenntnis und jüdischer Forderung. Geben wir der jüdischen Forderung nach, dann wird das religiöse Empfinden verletzt; folgen wir der religiösen Forderung, dann kommt das Judentum zu kurz. Wieder der gleiche Konflikt von.dem ich vorher gesprochen habe: Ich meine, daß in all unseren heutigen Referaten die religiöse Seite des Problems verkannt worden ist. Das gerade ist ^Aufgabe des Liberalismus, beide Seiten zu sehen und zu würdigen. In einem Aufsatze: „Warum und wozu" hat Kollege Seligmann das Problem berührt. Warum sind wir Juden? Weil wir etwas geschichtlich gewordenes sind. Weil wir eben da sind. Wir wollen das Judentum, weil wir uns selbst wollen. Wir wollen unsere Besonderheit, die ein Ausdruck der Mannigfaltigkeit der Welt ist. Und wozu sind wir Juden? Nicht um nur unser Dasein zu behaupten; unser Sein ist uns nicht Selbstzweck, sondern unser Sollen. Neue Werte zu schaffen, dem religiösen Denken und Fühlen neue Inhalte zu geben, Religion immer wieder werden zu lassen, das ist die Antwort auf die Frage nach unserem Wozu. Darum fordert das Judentum Religionsphilosophie, mag sie auch -über ^lte Begriffe hinausgehen. Gewiß brauchen wir Ge» metnschaftsformen, im Gottesdienst, in der Gebetssprache, im täglichen Leben. Sie sollen der Ausdruck unserer besonderen Gebundenheit als jüdische Menschen sein. Aber es muß ausgesprochen werden, daß es Gemeinschaftsformen sind, nicht religiöse Forderungen. Solchen Formen werden wir uns willig fügen, -umsomehr wenn auch sie im Stande sind, religiöses Empfinden auszulösen. Aber unabhängig davon muß dem religiösen Verlangen die Freiheit gegeben werden, die das eigene Gewissen beansprucht. Nicht das Judentum soll Richter sein darüber, was Gott von uns fordert, sondern unser religiöses Gewissen. Das ist freilich subjektiver Liberalismus. Vielleicht aber ist dies die einzig mögliche Auffassung des Begriffes des religiösen Liberalismus. Dr. Samuel-Essen: Die beachtenswerten Ideen von Kollege Wiener forden auch vom kultur- und geschichtsphilosophischen Standpunkt manche Kritik heraus. Die neue Wendung, die der jüdische Liberalismus brachte, hat mit dem gleichzeitigen Christentum garnichts zu schaffen. Die philosophische Epoche von Saadia bis Maimuni und darüber hinaus lehnte sich in ihrer Bezugnahme auf Plato, Plotin und Aristoteles auch nicht an das Heidnisch-Ethnische bei diesen Philosophen, sondern eben an ihre Philosophie. So war es bei Mendelssohn mit Leibniz-Wolf; bei Maimon, Herz u. a. mit Kant; bei Geiger. Steinheim; Philippson, Sam. Hirsch mit Hegel; bei Joel, Lazarus, Steinthal, Cohen wieder mit Kant. Wir brauchten eine Herausarbeitung der Ideen des Judentums; wir mußten seinen Wahrheitsgehalt neu formulieren, in ein wohlgeordnetes System bringen, und bedienten uns dazu der gleichzeitigen Philosophie. Im orthodoxen Lager glaubte man mit dogmatischem Vernünfteln und oft herzlicher, gemütergreifender Homiletik (man denke an Samson Raphael Hirsch) auszukommen. Hier waren ja nur schon 1leberzeugte in ihrer Grundüberzeugung von der überirdischen Herkunft des Gesetzes bis in seine letzten-Ausläufer und Verästelungen zu stärken. Anders, wo man in der Freiheit von Dogmen einen Vorzug erblickte. .Da war es eine Notwendigkeit, aber auch ein Glück, die Ueberein stimm ung der jüdischen Grundwahrheiten mit der

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