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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 20

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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20 Dr Wolf-Dresden tums ist, so sollte doch dieses andere auch nicht vergessen werden, dieses Gebot, in der Thora zu forschen. Die Berhandlungen werden durch eine kurze Mittagspause unterbrochen. Nach Wiederaufname der Verhandlungen berichtet Blumenthal-Berlin über die Konstituierung und Arbeitsverteilung der e h e r e ch tlichen Kommissio n, der außer Blumenthal die Kollegen Baeck, Fuchs, Lew kow i tz und B o g e l st e i n angehören. — Einem auf der Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum (Tags zuvor) gefaßten Beschlüsse entsprechend soll eine Gebetb uch k om m is s io n, die aus 4 Rabbinern und 3 Laien bestehen soll, baldmöglich zur Schaffung eines gemeinsamen Gebetbuches für alle liberalen deutschen Gemeinden zusammentreten. Der Vorsitzende schlägt als rabbinische Mitglieder vor: Baeck, R i e g e r, S a l z - berger und stellt sich selbst der Kommission gerne zur Verfügung. Dazu äußern sich Kaelter, Italiener, Galliner und Salomonski. Da der ursprüngliche Antrag von Fuchs ausging, soll Fuchs zu den 4 genannten Kollegen hinzutreten. Falls die Zahl 4 nicht überschritten werden dürfe, soll einer der genannten Kollegen kooptiert werden. Darauf folgt die Fortsetzung der Debatte. Dr. Wolf - Dresden: Der wesentlichste Punkt, der zu Meinungsverschiedenheiten auch innerhalb des liberalen Judentums, führt, ist meines Erachtens die . Frage: Wie verträgt sich eine liberale Religionsauffassung mit den Lebensnotwendigkeiten des Judentums? Um vorweg zu sagen, worauf es ankommt: Nicht alles, was jüdisch ist, ist religiös, und nicht alles, was der einzelne Jude als religiös empfindet, ist jüdisch. Beispiele werden den Gegensatz verdeutlichen. Wir haben manches vortreffliche Wort Aber Wert oder Unwert der Religionsphilosophie vernommen. Tatsache ist das Vorhandensein einer Religionsphilosophie auf jüdischem Boden. Und eine weitere Tatsache ist, daß das Judentum immer von neuem Religionsphilosophie schaffen, das heißt auf grundlegende religiöse Fragen Antwort geben wird. Denn die religiösen Wahrheiten sind im Judentum nicht sowohl einmal gegeben als vielmehr dauernd dem religiösen Geiste aufgegeben. Ein liberales Judentum, das nicht dieser Meinung beipflichtet, ist mir schlechterdings undenkbar. Damit ist aber die Religionsphilosophie als wesentlich zum Judentum gehörig gefordert. Die Religionsphilosophie aus dem Judentum streichen, hieße die Eigenart des Judentums aufheben. Mit dieser Feststellung soll aber nicht verkannt sein, daß aus der Religionsphilosophie dem Judentum Gefahren erwachsen. Wenn die Erkenntnis wesentliche Forderung des Judentums ist, dann kennt das Judentum keine Wahrheiten, die ewige Geltung besitzen. Es gibt dann keine ewigen jüdischen Wahr-' heiten. Jüdisch sind sie nur insofern als sie auf jüdischem Boden erwachsen sind. Sie erheben aber den Anspruch auf allgemeine Geltung. Es gibt keinen jüdischen Gott, keinen jüdischen Freiheitsbegriff, keine j üdische Unsterblichkeit. Diese ewigen Wahrheiten des Judentums sind oder sollen werden die allgemeinsten Erkenntnisse des religiösen Denkens der Menschheit. Die jüdische Religion in ihrer Begrifflichkeit zu Ende gedacht, wird zur Menschheitsreligion ohne, eine auch nur irgendwie geartete nationale Färbung. Da aber ergibt sich die Frage: Wie kommt dabei das Judentum zu seinem Recht? Wir wollen Judentum doch als einen lebendigen Organismus, aus dem immer von neuem religiöse Werte ihren Ursprung nehmen. Also braucht das Judentum Einrichtungen, die dem Judentum selber dienen, unabhängig von seinen religiösen Ideen. In der Erkenntnis dieser Gefahr sehe ich die Erklärung für manche Vorgänge auf unserer Tagung. Es erklingt der Ruf: Zurück zur jüdischen Gebetssprache. Ich habe alles Verständnis für diese Forderung; aber sie wird den Problemen, vor denen wir stehen, nicht gerecht. Der religiöse Mensch will beten» - und wir haben im Judentum viele religiöse Menschen, die beten wollen. Aber beten aus der ganzen Fülle des Herzens heraus kann man nur in der Muttersprache. Ein Beispiel dafür: Ueberwältigt von der Erhabenheit der Natur betet der religiöse Mensch Gott an und unmittelbar entringt sich seiner Brust das Wort: Wie schön ist deine Welt, o Gottk Gewiß sagt der Psalmist das Gleich« in den Worten: Mah godlu maasecho adonoi-. Aber

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