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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 19

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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19 Dr. Baeck-Berlin geistig gewissermaßen Schutzfarben an. Manches Buch, das den originalen religiösen Gehalt des Judentums aufzeigen will, zeigt in Wirklichkeit nur, wie, bewußt oder unbewußt, ein in Herrschaft oder in Mode stehender Gedanke dem Judentum, um ihm neue Originalität zu geben, beigelegt wird und so eine fremde Originalität in das Judentum hineinkommt. . Auch das ist richtig, daß der Gedanke der jüdischen Besonderheit, der Auserwählung, ein Wesentliches im Judentum ist, daß von der jüdischen Frömmigkeit das Bewußtsein, in das jüdische Lebensganze hineingestellt zu sein, dieses Gefühl der Verbundenheit mit der jüdischen Gesamtheit, nicht loszulösen ist. Aber eben dieses hier ist nur, wie vorhin gesagt, die eine Seite. Um dies zu begründen, ist es erforderlich, zunächst etwas weiter auszuholen: Alle religiöse Erfahrung ist im Judentum eine , zweifache. Sie ist zunächst das Bewußtsein, geschaffen zu sein, oder, was dasselbe ist, das Wissen um das Geheimnis, das Verborgene, das Irrationale des Lebens, um den Daseinsgrund. Und sie ist dann das Wissen um das, was der Mensch schaffen soll, um das Bestimmende, das Gebietende, das Ideelle seines Lebens, um den Weg, der ihm gewiesen ist. Das Besondere des Judentums ist, daß in ihm diese beiden religiösen Erfahrungen ihre absolute Einheit haben, die eine immer nur in der anderen und durch die andere ergriffen wird. Im Judentum gibt es kein Gebot, das nicht aus dem Geheimnis des Lebens hervorträte, und kein Geheimnis, das nicht zum Gebot würde. Wer um das erstere erfährt, der erfährt um das, wovon, hier gesprochen worden ist, er erfährt um den Boden, in dem er wurzelt, um das Ganze, dem er zugehört, er erfährt um die konservativen, die irrationalen Mächte seines Lebens. Aber das Jüdische, unser Eigentümliches, ist, daß er damit zugleich das andere erlebt — und dieses andere ist hier nicht genügend gewürdigt worden —, daß er die bestimmenden, fordernden Kräfte seines Lebens erlebt, dieses Schöpferische, Gebietende, Ethische seines Daseins, daß er das Ideal erkebt, das ihm gegeben ist. Beides, das Irrationale und das Hinausweisende, wird hier als eines erlebt. Darum gibt es für das Judentum nicht den Gegensatz zwischen dem spezifischen jüdischen Empfinden und dem Universalismus. Aller Universalismus hat hier seine Wurzel im spezifisch Jüdischen, und alles spezifisch Jüdische gewinnt hier sein Ideal und Ziel im Universalismus. Wenn nur das eine oder das andere hervorgehoben wird — und auch in einer gewissen mitnikry oder, was psychologisch fast dasselbe ist, in einer gewissen Opposition ist das bisweilen geschehen —, wenn nur das Irrationale oder nur das Rationale, nur der Grund oder nur das Ziel, nur die Schöpfung, Sie Offenbarung, oder nur die Aufgabe, die Bestimmung hervorgehoben wird, so verliert das Judentum seine Ganzheit. Erst in der unbedingten Einheit von beiden ist es ganz. ' Eine ähnliche Einseitigkeit ist auch in der anderen Frage zu vermeiden. Es ist selbstverständlich, daß das liberale Judentum — das ist von dem Referenten in dankenswerter Weise einleuchtend dargelegt worden — dessen, was objektiv Judentum ist, des sicheren Glaubensfundaments und des sicheren Glaubensbesitztums nicht entraten kann, dem nicht indifferent und nachgiebig gegenüberstehen darf. Wir sprechen von unserer Thora, von unserer Religion, und das sollte nicht ein bloßes Wort, sondern der Ausdruck des bestimmten Glaubensgutes sein, des Positiven, das das Judentum ausmacht. Aber neben diesem notwendigen, objektiven, autoritativen Faktor, auf den mit Recht immer hingewiesen werden muß, darf doch der andere, der Freiheitsfaktor, nicht übersehen werden, der, den man in gewissem Sinne den prophetischen nennen kann, dieses Gebot, zu suchen und zu forschen, das Wesentliche und Tragende des Judentums zu erfassen, seine großen Grundsätze zu erkennen. Die Propheten haben gesagt, was das Eine ist, was gut ist, und was der Ewige fordert, die Männer der mündlichen Lehre haben die Prinzipien der Bibel gesucht, die Religionsphilosophen des Mittelalters haben die Grundgedanken des Judentums festzustellen sich bemüht. Auch das ist eine Gabe im Judentum, die bleiben soll, sie ist das Liberale im edelsten Sinne dieses Wortes. Wenn immer wieder mit Recht an das Objektive gemahnt werden muß, wenn daran zu erinnern ist, daß nicht jeder seine Thora hat, sondern die Thora die des Moses, die Thora des Indens

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