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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 18

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
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18 Dr. Lewkowitz-Berlin — Dr. Baeck-Berlin ft o <J 9 Außerdem müsse Lewkowitz sehr bald fort» gehen, und es wäre wertvoll, thn vorher zu Hören. Dr. V o g e l st e i n - B r e s l a u verzichtet -auf das Wort. Dr. Lewkowitz-Berlin wendet sich zunächst gegen die Ausführungen des Herrn Dr. Kellermann. Ein Rationalismus, der nicht dogmatisch, sondern wissenschaftlich ist, wird die Grenzen der verstandesmäßigen Erkenntnis nicht übersehen. Begrifflich ist weder das Individuelle, noch das Qualitative, noch das kontinuierliche Fließen der Lebensvorgänge zu fassen. Der Rationalismus überschätzt die Bedeutung des begrifflichen Wissens. Es gibt auch ein gefühlsmäßiges, instinktives Erkennen. - Die Schönheit der Natur, die Heiligkeit des Sittlichen werden nicht rational erkannt, begrifflich erfaßt, sondern erlebt, cm» Pfunden. Erlebnis ist auch die Grundlage -aller Religion. Sie ist weder ein System begrifflicher Lehren, noch ein System von Gesetzen, sondern eine gefühlsmäßige Haltung, eine wertende Stellungnahme der Welt gegenüber. Deshalb hat Dr. Wiener in seinem ■ Referat mit Recht den irrationalen Grundzug des Judentums hervorgehoben. Er geht aber in seiner Ablehnung des Rationalismus zu weit. Religion ist nicht unbewußte, triebhafte, sondern bewußte Haltung der Wirklichkeit gegenüber, also Weltanschauung. Dann muß sie auch mit anderen Weltanschauungen sich auseinandersetzen, und das kann nur in der Form wissenschaftlicher Kritik und begrifflichen Denkens geschehen. Auch das Denken, der Erkenntnistrieb gehört zum Leben, jüdisches Leben, jüdische Religion ist gerade durch die enge Verbindung von Fühlen und Denken gekennzeichnet: Das Judentum repräsentiert den klassischen Typus der Religion im Gegensatz zum romantischen, bei dem das religiöse Gefühl sich von den Fesseln -des Verstandes befreit. Verschiedene Typen des religiösen Lebens bilden auch Orthodoxie und Liberalismus. Das orthodoxe Judentum betrachtet die in Bibel und Talmud überlieferten Gesetze als unveränderliche, absolute Norm, der sich der Mensch unter allen Umständen zu unterwerfen hat. Die Orthodoxie will die Religion Mer Unsicherheit und Willkür des Menschlichen entziehen, sie will den objektiven Typus, daher betont sie die Uebernatürlichkeit der Offenbarung und erblickt in ihr die Grundlage des Judentums. Der Liberalismus dagegen betont gerade das Recht des Menschen gegenüber dem Anspruch der Tradition. Ueberlieferte Glaubenslehren und Gesetze müssen mit unserem religiösen Empfinden und den Bedingungen unseres Lebens im Einklang stehen. Eine, solche Anpassung der Ueberlieferung an den Menschen ist möglich, weil die Religion nicht auf dem Wege übernatürlicher Offenbarung zu uns gelangt, sondern durch natürliche Offenbarung entstanden ist und daher dem Gesetz der Entwicklung unterliegt. Der Liberalismus stellt also den subjektiven Typus der Religion dar. Der Geltungsgrund des Judentums liegt nicht in einer objektiven Tradition göttlichübernatürlichen Ursprungs, sondern im Denken und Fühlen des Menschen. Daher ist Goldmanns Konstruktion eines objektiven Liberalismus auf der Grundlage der Offenbarung und überlieferter Gesetze vollkommen unhaltbar. Liberalismus ist nicht vernünftige Orthodoxie. Unsere „Richtlinien" wollen nicht einen neuen Schulchan aruch aufstellen, sondern zum Bewußtsein bringen, worin die Juden der Gegenwart, soweit sie auf liberalem Standpunkt stehen, mit einander übereinstimmen. Goldmann hat die entscheidenden Fragen nach der Form der Offenbarung und dem Geltungsgrund der Gesetze überhaupt nicht gestellt. Wir dürfen das Recht des einzelnen, sich seinen Glauben zu gestalten nicht antasten, müssen aber das religiöse Gefühl wecken und das Gewissen unserer Glaubensbrüder zu schärfen suchen. Eine Synthese der Ueberlieferung und des modernen Lebens zu schaffen, ist die Aufgabe, die das Judentum der Gegenwart zu lösen hat. Dr. Baeck-Berlin. Das, was Kollege Wiener und nach ihm Kollege Goldmann sagten, ist durchaus richtig, nur stellt es bloß die eine Seite der Sache dar und wirkt daher, sachlich, als eine Uebertreibung. Es ist zunächst richtig, daß die Darstellung des Judentums unter der Gefahr steht, daß Urteile und Begriffe, die von anderen Religionen oder anderen Gedankenkreisen hergenommen sind, auf unser Judentum angewandt werden. Ich habe bereits in Frankfurt auf die Gefahr der geistigen mimikry hingewiesen, der die Minoritäten ausgesetzt sind; sie nehmen

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