Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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o o 0.0 Dr. Vogelstein Breslau 17 müssen feststellen, daß es zwei Arten gibt, das Judentum als Religion anzusehen, die orthodoxe und die liberale, und daß die liberale nicht minder berechtigt ist als die orthodoxe. Dabei bestreite ich die Richtigkeit von Wieners Bemerkung, daß wir liberal seien, soweit wir nicht orthodox sind und das Judentum nicht in der überlebten Form des 15. Jahrhunderts festhalten wollen. Auch diese Formulierung würde dem Liberalismus seinen Eigenwert und seine eigene Bedeutung nehmen. Auch an dieser Formulierung ist nur so viel richtig, daß der Liberalismus nicht Selbstzweck ist. Dagegen hat, wie ich glaube, Kellermann die Bemerkung Wieners mißverstanden, daß wir stark unter dem Einfluß der christlichen Umgebung inbezug auf die Auffassung von der Religion stehen. Wie- > ner hat m. E. sagen wollen, daß der Maßstab für das, was Religion und religiös ist, naturgemäß von der Religion der überwiegenden Mehrheit der Umwelt genommen wird. Ich lasse die Streitfrage, ob das Judentum Dogmen hat oder nicht, als nicht zur Sache gehörig, unerörtert. Dogmen im Sinne des Christentums hat es jedenfalls nicht. Nun war aber und ist vielleicht noch das Dogma für die' meisten das Kriterium der Religion. So kam unter dem Einfluß dieser durch die christliche Umwelt bedingten Anschauung Men- . delssohn zu dem falschen Schluß, das Judentum sei gar nicht geoffenbarte Religion, sondern geofsenbartes Gesetz. Damit scheint Goldmanns Auffassung übereinzustimmen, der die zwei Grundprinzipien ausgestellt hat: Offenbarung und Gesetz. Allerdings klang durch seine Ausführungen, daß der Liberalismus als Grundidee die Tatsache des Lebens habe, auch, die Anerkennung des Prinzips * der Entwicklung hindurch. Nach meiner Auffassung ist gerade dieses das methodische Prinzip des Liberalismus. Ich bestreite die Richtigkeit von Goldmanns Behauptung, das Iu° , dentum fei Gesetzesreligion, bestreite, daß nach jüdischer Auffassung alles Fühlen und Sollen in juristische Form gekleidet und daß diese juristische Form für die jüdische Auffassung typisch ist. Das ist vielmehr nur das Ergebnis der späteren Entwicklung, die durch die ganz eigenartigen Bedingungen in den Formalismus gedrängt worden ist. Die Anerkennung von Goldmanns Auffassung würde allerdings wiederum die Anerkennung bedeuten, daß die Erfüller des Gesetzes, die Orthodoxen, die richtigen Juden sind. Von hier aus ist nur ein kleiner Schritt zu der weit verbreiteten falschen Anschauung, daß Liberalismus nichts weiter sei als Abschaffen. Sie wissen, daß man als Maßstab für den Liberalismus vielfach das Maß der Abweichung, bezw. Abrogierung des Zeremonialgesetzes ansieht. Wer einen Stock am Sabbath trägt, ist angeblich „liberaler" als wer bloß einen Schirm trägt; und am liberalsten ist derjenige, der gar tiicht in die Synagoge geht und zu Hause gar nichts von religiösen Formen innehält. Liberalismus ist nach dieser Auffassung nichts anderes als Negation. Nun ist allerdings eines festzuhalten: auch das Abschaffen, das Niederreißen kann eine positive Tat sein. Ich erinnere an Gottfried Kellers feines Wort, daß man oft mit Fleiß, niederreißt und niederreißen muß, um Licht und Luft zu schaffen, und daß es billige Weisheit der klugen Leute ist, die da behaupten, man solle nicht niederreißen, ohne aufzubauen. Eine solche positive Tat war das Niederreißen und Abschaffen zu der Zeit, als die Ghettomauern fielen und mittelalterliches Judentum und moderne Kultur im Widerspruch mit einander zu stehen schienen. Aber es war ein zufälliges prinziploses Vorgehen, und zufällig, willkürlich und prinziplos erscheint mir alles Reformieren auf der Grundlage der Wiener'schen und Goldmann'schen Anschauungen. Das ist für uns das Wesentlichste, daß wir das P r t n z i p des Liberalismus feststellen. Ich verweise darauf, daß Frankel auf der Frankfurter Rabbinerversammlung 1845 die Prinzipienlosigkeit als den größten Feind des Glaubens bezeichnet hat, die von allen Seiten und mit aller Kraft bekämpft werden müsse. Ernstes Reformieren sei überall ein Aufbauen, nicht aber das ohne Prinzip Reformieren. So hat auch Geiger die Aufstellung von Prinzipien gefordert und das „Reformieren ins Blaue hinein" immer auf das entschiedenste bekämpft. Bon diesem Gesichtspunkt aus erwies es sich bei dem Wiederbeginn der liberalen Bewegung als das Dringendste, diese Prinzipien in den „Richtlinien" festzustellen. Dr. Paeck-Berlin unterbricht. Er bitte,, daß Vogelstein sein Referat erst nachher halte. Es sei ohnehin schwierig genug, die beiden gehörten Referate für die Diskussion zu beherrschen.