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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 16

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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K » Dr. Vogelsiein-Breslau schen Forderungen gegenüber den zeremoniellen bestand. Demgegenüber betont Herr Dr. G., daß das Zeremonialgesetz als der objektive Ausdruck des Judentums zu gelten habe. Subjektiv sei derjenige Liberalismus, der nach Belieben gerade das aus dem Zeremonialgesetze herausgreife, was ihm am meisten konveniert. Demgemäß seien die Vertreter des subjektiven Liberalismus Anhänger des Paulus, die des objektiven wahre Juden. Zunächst macht sich Dr. G. eines historischen Irrtums schuldig, denn Paulus hat nicht nur das Zere- > monialgeseh, sondern jedes Gesetz verworfen. 2m übrigen ist sich sicher der Referent über die, unendliche Weite des Moralgesetzes nicht klar geworden. Als Kant einstmals von Mendelssohn auf die Frage nach dem Inhalte des Judentums die Antwort erhielt, das ethische Gesetz genüge für den Juden nicht, es müsse auch noch das zeremonielle hinzukommen, da Antwortete Kant: „Weniger wäre mehr." In der Tat hatte Kant mit dieser Antwort ins Schwarze getroffen. Wer mit diesem Großen der Meinung ist, daß kein Mensch sich in der Lage befindet, das Moralgesetz restlos zu erfüllen, wer die Ansicht der Bibel teilt, die sagt, daß es niemand auf Erpen gibt, der nur Gutes täte und niemals sündigte, wer gleich jenen Tannaiteu auf dem Totenbette über die unerfüllte sittliche Aufgabe Tränen vergießt, der muß den Begriff, eines Zeremonialge setz e s als völlig verfehlt bezeichnen. Nur als Symbol kanin dieses Gesetz auch bei uns Verwendung finden. Wo aber das Symbol schaltet und waltet, da spricht das Gefühl, und wo das Gefühl seine Stimme vernehmen läßt, da hat der Subjektivismus und nur, der Subjektivismus das Wort. Gerade aus Allgemein sittlichen Motiven heraus muß es dem Einzelnen und den Gemeinden überlassen bleiben, für sich jene Symbole auszuwählen, die den Bedürfnissen ihres Gefühls am meisten entsprechen. Nur die Gemeinde als solche, in der alle Richtungen vertreten sind, ist aus verwaltungspolitischen Gründen verpflichtet, Einrichtungen zu treffen, die jeder Richtung Rechnung trogen, — Zum Schlüsse kann ich mich nicht der Empfindung erwehren, als ob in beiden Vorträgen eine gewisse jüdische Selbstgefälligkeit, ja geradezu eine Peberhebung zutage träte. Ich warne davor, über dem Spezifisch-Jüdischen daS Allgemein- Menschliche zu vergessen. Oder will man gar der Meinung zuneigen, daß in nichtjüdischen Kulturkreisen das Allgemein-Menschliche niedriger stände, als in jüdischen? Ich bleibe dabei: Gelingt es nicht, den Liberalismus und die „Erneuerung" des Judentums mit den Mitteln zu bewirken, die das allgemeine Bewußtsein uns an die Hand gibt, so ist die Verjüngung des Judentums schon im Keime erstickt. Was die altliberalen Führer, wie Zunz, Geiger, Vogelstein u. a. in dieser Hinsicht geleistet haben, beweist das direkte Gegenteil dessen, was heute unsere sogenannten Neuliberalen als eigenes Evangelium predigen. . Dr. Vogelstei n-B r e s la u. Die gesamten Erörterungen gestern in der Vereinigung für das liberale Judentum, wie heute in den beiden gehörten Referaten, bewegen sich um die Grundfrage: Was ist religiöser Liberalismus im Judentum? Baeck hat gestern in seinem wundervollen Vortrage den Ernst und die überzeugungstreue Opferwilligkeit als den Sinn des liberalen Judentums hingestellt. Wir stimmen ihm darin uneingeschränkt ben Aber er hat in seinen Ausführungen nicht die unterscheidenden Merkmale des Liberalismus darstellen, sondern lediglich die positiven Werte betonen wollen. Kollege Wolf hat gestern in der Iugenddebatte gesagt: Liberalismus ist nicht ein Glaube, sondern eine Methode. Das Wort ist in hohem Maße richtig. Denn unser Glaube ist jüdisch, unser Ziel nicht, Liberalismus, sondern Judentum zu fördern. Aber wir glauben dieses Ziel nur auf dem Wege des Liberalismus erreichen zu können. Wir können das Judentum eben nur liberal ansehen. Wir wissen, daß andere das Judentum unter anderm Gesichtswinkel betrachten, und wir achten auch die abweichende Anschauung. Aber Goldmanns Meinung ist falsch, daß der Liberalismus unterhalb desi Glaubens anfängt. Das würde bedeuten, daß Liberalismus, wie- Montefiore treffend sagt, nur „Subtraktion von der Orthodoxie", daß somit die Orthodoxie die wahrhaft berechtigte Auffassung des Judentums, daß das orthodoxe Judentum das richtige, zuyr mindesten das bessere Judentum wäre. Das wäre das Todesurteil für den Liberalismus. Man kann und darf nicht Judentum und Liberalismus in der Weise trennen, wie Goldmann es will, sondern wie

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