Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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O o o v Dr. Kellermann -Berlin 15 Der Subjektivismus als allgemeine Erscheinung ist ein Kind unserer individualistisch senkenden Zeit. Des Judentums Stolz und «Größe war es von jeher, sich nicht von der Zeit beeinflussen zu lassen, sondern sie zu bilden. Das kann nur geschehen, wenn der subjektive Liberalismus, das Produkt der Willkür und der Unwissenheit, überwunden wird. Wer als liberaler Jude eine Kulturmission erfüllen zu müssen glaubt, hat hierzu keine andere Möglichkeit, als daß er sich auf den festen Boden -eines rein aus dem Judentum fließenden, objektiven Liberalismus stelle. - Auf Wunsch der Versammlung wird das "Referat von Vogelstein auf den Nachmittag verschoben, damit die Diskussion über Die gehörten Referate sofort beginnen könne. Der Vorsitzende befürchtet, daß damit Vogelsteins Referat, das in gewissem Sinne ein Gegenreferat sein solle, ganz ausfalle und schlägt vor, Vogelstein dann wenigstens zu gestatten innerhalb der Diskussion die Hauptgedanken seines Referates zum Vortrag zu bringen. Nachdem die Versammlung sich damit einverstanden erklärt hatte, beginnt die Diskussion, Bei der, infolge dringenden Wunsches eines ' Mitglieds die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Dr. Kellermann-Berlin. Der erste Referent ging in seinem Vortrage von der Anschauung aus, daß die heutige Würdigung des Judentums aus Kategorien beruhe, die durchaus germanischer und christlicher Herkunft seien. Dadurch komme es, daß .das heutige liberale Judentum im Grunde genommen christianisiert und germanisiert werde. Es würden Forderungen gestellt — wie die Beseitigung des Zeremonialgesetzes und die Messiailisierung der jüdischen Grundgedanken, — die niemals die Billigung solcher Theologen stnden können, welche nur von einem rein jüdischen Fühlen und von jüdischen Denk« Kategorien ihren Ausgang nehmen. ' Gegen diese Ausführungen muß rein logisch und historisch der schärfste Protest er» ' Hoben werden. Man möchte gern das Gvethesche Wort auwenden: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft." Es gibt keine jüdische Logik, sondern nur eine allgemeine, und - ßo lange es eine jüdische Wissenschaft gibt, hat man stets mit jenen Denkmitteln operiert, die ln der allgemeinen Wissenschaft und Kultur Anwendung fanden. Sollen wir vielleicht auch judenfreundliche Urteile ablehnen, wenn sie von christlicher Seite, weil mit christlichen Hilfsmitteln gefällt wurden? Gibt es etwa eine christliche und eine jüdische Mathematik, eine christliche und eine jüdische Physik? Die ganzen Ausführungen des Referenten zeigen einmal wieder, wohin der Weg führt, wenn man das spezifisch jüdische Grundgefühl gegen allgemein gültige Kulturgesetze ausspielt. Es kann gegen diese Ueberschätzung und Ueberwertung des Gefühls nicht scharf genug Front gemacht werden. Ein Gefühl, das nicht an der Logik und Ethik seine Korrektur findet, ist nicht nur zwecklos, sondern sogar kulturschädlich. Gleich der allgemeinen Bildung hat gerade die jüdische Vernunft zu allen Zeiten an dem Grundsätze festgehalten, daß die Ethik als allgemeiner Maßstab für Kulturerscheinungen zu gelten habe. Es ist also kein gefühlsarmer Rationalismus, der hier seine warnende Stimme erhebt, sondern der Ethizismus selbst, der durch jede Ueberwertung des Gefühls zu Grunde gehen müßte. Es ist auch ein falscher Vorwurf, den man gegen die Religionsphilosophen des Judentums erhebt, daß sie nur einen charakterlosen Ausgleich zwischen Judentum und der Kultur der Umwelt erstrebt hätten. Von Philo bis Maimonides und bis Cohen war die Religionsphilosophie stets eine Neu- und Fortbildung überkommener Philosopheme, niemals aber eine kritiklose Uebernahme griechischer, christlicher oder muhqmmedanischer Gedanken. Die jüdische Wissenschaft muß mit den allgemein gültigen Denkmitteln operieren, weil ihr keine anderen zu Gebote stehen, oder soll das Judentum jeder wissenschaftlichen Bearbeitung entzogen werden? Daß man aber solche Versuche, das Judentum zu „erneuern" beim besten Willen nicht als liberal bezeichnen kann,' wird niemand bestreiten. Die Ausführungen des zweiten Referenten stehen in einem innigen, bewußten oder unbewußten Zusammenhang mit denen, des ersten Redners. Wenn dieser für eine völlige wissenschaftlich theoretische Umkehr plädiert, so tritt Dr. Goldmann für eine praktische Neugestaltung des Liberalismus ein. Bisher war man stets der Meinung, daß der objektive Liberalismus in der Vormachtstellung der echt»