Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126612-3126613--2730-3129594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14 Dr. Goldmann-Leipzig: Über objektiven und subjektiven Liberalismus delns, die — die Erfahrung der Geschichte lehrt es schlagend — auch innerhalb einer feststehenden Richtung religiösen Lebens möglich ist. Subjektivismus ist Produkt der Selbstüberhebung und der Unwissenheit in ihrer Verbindung, ihr Ziel ist individuell die Eigenbrödelei, bei den Massen die Sektenbildung. Warnende Zeichen deuten an, daß man — zumal in Nordamerika — auch im Judentum auf dem besten Wege zur Sektenbildung ist, weil man den subjektiven Liberalismus schrankenlos hat gewähren lassen. Es ist klar, daß aus diesen Gründen das moderne Judentum einen Zwiespalt aufweist, den das alte nicht kannte. Rabbiner und Laien traten früher darum nicht in einen Gegensatz, weil es Laien nicht gab, und die wenigen Unwissenden maßten sich nicht das Recht der Bestimmung in jüdischen Dingen an, sondern unterwarfen sich, der Einsicht der gelehrten Masse. Heute ist nicht nur der - Zwiespalt offenbar, sondern.die Unwissenden beanspruchen eine Einflußnahme auf religiöse, jüdische Dinge, ein ganz unerträglicher Zustand, der die Gegensätze verstärkt und die Erbitterung mehrt. Nicht der Rabbiner, das sei zur Vermeidung von Mißverständnissen be° -timt, soll bestimmenden Einfluß haben, sondern der Gelehrte, mag er das Rabbineramt verwalten oder sonst einen Beruf treiben. Er vertritt das objektive Judentum und, sofern er liberal denkt, einen objektiven Liberalismus. Der unwissende Laie ist dagegen Anhänger und Anwalt des subjektiven Liberalismus. Ersterer kennt das Judentum und empfindet daher dieser großen geschichtlichen Tat- ' fache gegenüber die Wucht der Verantwortung. Letzterer schafft neu, kennt keine Bindung durch die Tradition und verspürt nicht diese gewaltige Last dev Verantwortung. So entstehen/tiefgehende Gegensätze, wie in der Frage der Mischen Volksschule, die durch den hier geschilderten Gegensatz ihre befriedigende Erklärung finden. Der objektive Liberalismus geht vom jüdischen Interesse aus und verklangt die jüdische Volksschule, der subjektive bildet feine Anschauungen am politischen Liberalismus und verwirft sie. Gewiß sei zugegeben, daß die Geister sich nicht so reinlich scheiden, wie hier vorausgesetzt wird. Die Rabbiner sind fraglos subjektiven Beeinflussungen ausgesetzt, und die Laien sind von objektiven Momenten, meist traditioneller Natur, beeinflußt. Aber auf das ganze gesehen stimmt die Teilung doch. Es ist leicht ein Kompromiß zu schließen und im Interesse der gewiß wünschenswerten äußeren Einheit den inneren Zerfall zu leugnen. Aber es ist ein Zustand der Unwahrhaftigkeit, wenn die Rabbiner unter Liberalismusetwas ganz anderes verstanden wissen wollen als die Laien und wenn sie trotzdem durch Gebrauch derselben Terminologie den Anschein, erwecken als bestünde der Zwiespalt nicht. In sittlichen Dingen darf es keine Kompromisse geben! Wenn man vor der Wahl steht, ob man sich für den objektiven oder eine Schattierung des subjektiven Liberalismus zu entscheiden hat, muß erst eine andere Frage beantwortet werden: Bin ich in erster Reihe Jude oder liberaler Jude? Man kann sich helfen mit dem Hinweis auf die andere berühmte zwecklose Frage, ob man Vater ^oder Mutter mehr liebe und entscheiden, daß man eben nur auf liberale Art Jude sein könne. Und doch ist das nur eine Ausflucht. Denn die Frage besagt, ob man bereits in der Grundeinstellung den Liberalismus als wirksamen Faktor anerkennt oder ob es eine jüdische Gedankeneinheit gibt, unterhalb derer die Scheidung beginnt. Hie? heißt es Farbe bekennen. Ich meine, daß objektiver Liberalismus lediglich formelle Bedeutung hat und haben darf. Er. beginnt nicht in den I d e e n, sondern in ihrer Ausdeutung, und wenn auch gewiß zugegeben werden darf, daß der Inhalt von dieser Auslegung nicht unwesentlich beeinflußt wird, ist doch allem Judentum gemeinsam die Anerkennung des Go.ttes der Offenbarung und des Prinzips der Gesetzlichkeit. Und wenn man mich vielleicht lächelnd darauf Hinweisen wird,' daß in den Kreisen 'der alleinseligmachenden Orthodoxie Frankfurter Observanz diese meine Meinung nicht geteilt wird, so erwidere ich. daß östliche Orthodoxie, die klarer und unbefangener sieht, sich keineswegs diesem Gedanken der Einheit verschließt. Man ist in erster Reihe Jude und dann erst liberal! Tiefste Bedeutung des Objektivismus ist, daß er sich dem Gedanken von £lal jissroel unterordnet. Das bedeutet eine Beschränkung, aber zugleich auch eine Erhöhung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.