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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 13

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Dr. Goldmann-Leipzig: Über objektiven und subjektiven Liberalismus 13 und dem ehrlichsten Willen getragen wird, so fällt dies bei jenem subjektiven Liberalismus Völlig fort, dem wir vornehmlich in L a i eit.» kreisen begegnen und der rein opportunistisch das aus der Weltkultur geschöpfte Denken zum Dogma macht, dem sich die jüdische Ideenwelt in dieser oder jener Form beugen muß. Er ist der Mode und der Zeit unterworfen, seine Stärke ist das „Ausgleichen", seine Methode ein seichter Rationalismus. Typisch für ihn ist jener „Stolz" auf das Judentum, weil es so herrlich alle modernen Erfindungen, Ideen und Schlagwörter vorausgeahnt hat, typisch vor allem sein Nachweis, daß das Judentum eine durchaus ehrenwerte und vernünftige Religio.n ist, der auch ganz aufgeklärte, verständige Menschen anhängen können. Charakteristisch für diese Richtung, sofern man bei der Fülle von subjektiven Einzelmeinungen dieses Wort überhaupt gebrauchen darf, ist die Sucht, das „Wesen" des Judentums auf eine möglichst knappe Formel zu bringen, die in den Ohren der gebildeten Welt lieblich klingt. In Wirklichkeit ist dieser Liberalismus methodisch entweder das durch die' antisemitische Verhetzung entstehende Trotzjudentum, das nach einer positiven Begründung sucht, oder er ist unbewußtes Nationaljudentum, das aus politischen Gründen dem Bekenntnis zum Judentum eine andere Deutung gibt. Es ist nicht, immer lediglich relatives Judentum, es ist oft auch religiös, nur daß seine Religiosität nicht aus dem jüdischen Quell, sondern aus der einzelnen Menschenseele fließt und sich seinen individuellen Weg sucht, statt sich mit den Empfindungen der jüdischen Masse zu vereinen. Die besondere Gefahr dieses subjektiven Liberalismus liegt , darin, daß er nicht etwa ’ sich nur literarisch .betätigt, sondern daß er in Wahrheit die Macht besitzt. Er herrscht nur zu oft in Gemeinden und Vereinigungen und verlangt, daß man sich nach ihm richte. Da er von der Peripherie her zum Judentum gedrängt wird, statt es . freudig aus dem Inneren strömen zu lassen, so ist sein besonderes Kennzeichen, daß ihm die Grundstimmung religiöser Seelen, die Opferfreudigkeit fehlt. Seiner Entstehungsursache nach ist er jederzeit bereit, jüdische Werte aufzugeben, sobald sie entweder unbequem werden oder mit den aus der Kultur der Umgebung geschöpften Werten im Widerspruch stehen. Was aber aus solchen Gründen abgelehnt wird, sucht er theoretisch zu rechtfertigen, indem er hierin ein künstliches System schafft. Das Ritualgesetz fällt praktisch aus Ursachen, die nicht dem Judentum entstammen. Erklärt wird es aber durch die angebliche ethische Minderwertigkeit der „Werkheiligkeit". Der Gefehlt chkeits st andpunkt wird verworfen, weil die am Christentum sich bildende allgemeine Anschauung den antinomistischen Standpunkt für den ethisch fortgeschrittneren hält. Der Offenbarungsglaube wird durch schwächliche Umdeutungen abgeschafft, weil man in einer naturwissenschaftlich so fortgeschrittenen Zeit doch keinem „vernünftig" denkenden Menschen zumuten kann, an s u p r a n a t u r a l i st i s ch e Tatsachen zu glauben. . Der Willkür ist Tür und Tor geöffnet. Jeder legt in das Judentum etwas anderes hinein, jeder sucht seine Sonderideen hineinzuschmuggeln. Wer Mystik liebt, modelt das Judentum in diese Richtung um. Statt wie in alter Zeit das Judentum zu „leben", will man es „erleben" und an die Stelle der gleichmäßigen religiösen Tat tritt das stoßweise eintretende mystisch verzückte Erlebnis. Nur das Wort bleibt! Man ist liberaler Jude, wobei jeder sich unter seinem Liberalismus etwas anderes denkt, / Der Grundfehler des subjektiven Liberalismus ist sein Mangel an Historischer Kenntnis und historischem ‘Ser*’ ständnis. Man mag die Anschauung, daß alles Gewordene und Bestehende vernünftig sei, noch so weit von der Hand weisen, daß der alte Satz „lo am hoorez chossid, ein Unwissender kann nicht fromm sein" eine tiefe Wahrheit enthält, ist nicht zu bestreiten. Daß ein Unwissender vom Standpunkte einer allgemeinen Moral aus sehr fromm sein könne, ist selbstverständlich zuzugeben. Daß er ein frommer Jude zu sein vermag, ist darum unmöglich, weil nur' die Kenntnis der Religion, ihrer Satzung und ihrer Geschichte, eine Einpassung in das objektive Leben.ermöglicht. Unwissenheit führt überall zum Subjektivismus, der in den seltensten Fällen Ausfluß einer starken Persönlichkeit ist. Subjektivismus ist natürlich nicht zu verwechseln mit Selbständigkeit des Denkens und des Han-

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