Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 12 Dr. Goldmann-Leipzig: Über objektiven und subjektiven Liberalismus für absolut wertvoll und notwendig. Die geringschätzige Bewertung dieses Grundsatzes durch das antindmistische Christentum ist für das jüdische Urteil gleichgiltig! 3. Entwicklung. Das Judentum ist ein lebendiger Organismus, der sich fortentwickelt. Diesem natürlichen Fortschritt gegenüber darf kein künstliches Hindernis aufgerichtet werden, sondern ihm ist freier Lauf zu gewähren. Andererseits ist es auch nicht aus Gründen, die nicht inneren Interessen des Judentums entstammen, zu fördern und zu begünstigen. Die Notwendigkeit der Entwicklung darf sich nur aus den jüdischen Bedürfnissen ergeben, wobei freilich beachtet werden muß, daß diese mit Anschauungen der Umgebung oft übereinstimmen werden. Was für die künstliche Beschleunigung der Entwicklung gilt, trifft auch für ihre Hemmung zu: Beide sind für das Judentum besonders gefährlich, wenn die Pücksicht auf die Welt und auf das Verhältnis zu ihr sie erzwingen. Einen Liberalismus mit solchen Grundsätzen als objektiv zu bezeichnen, rechtfertigt sich darum, weil er sich aufjüdischem Boden bildet, und so weder seine Entstehung noch seine weitere Gestaltung außerjüdischen Mächten verdankt. Er ist darum objektiv, weil er auch im Ziele lediglich das jüdische Interesse verfolgt. Er rechnet mit jüdischem Eigenwerte; den er anerkennt, auch dort, wo die allgemeinen Anschauungen der das Judentum umgebenden religiösen Kultur andere Maßstäbe anlegen und demnach dem jüdischen Standpunkt nicht gerecht werden. Als subjektiven Liberalismus bezeichnen wir dagegen jenen, dem das Judentum nicht Objekt ist,- vor dem individuelle Anschauung schwindet, sondern der die subje kt i v e n Meinungen eiuer Zeit oder einer Gr uppe von Per so nen zum Ideal erhebt, dem sich das Judentum unterordnen muß. Der subjektive Liberalismus läßt die Begriffe in den großen Grundzügen unverändert. Auf dem Wege einer gewaltsamen Entwicklung legt er den Bezeichnungen aber begriffliche Werte unter, die nicht dem Judentum sondern außer ihm liegenden Sphären entstammen. So wertet der Subjektivismus das Judentum um, und schafft jüdisch drapierte nichtjüdische, oft sogar antijüdische Ideen,. Man unterscheidet zwei Arten des subjektiven Liberalismus. Die eine sucht ihren Lehrsätzen wissenschaftliche Begründung zu geben. Die andere verzichtet darauf und deutet lediglich jüdische Form und Idee nach den Bedürfnissen des Tages' um. Der wissenschaftlich begründete Subjektivismus spielt in der Geistesgeschichte des Judentums eine gewaltige, wenn auch nicht sonderlich entscheidende Rolle. Er wirkt vornehmlich in einem Teile der Religionsphilosophie! Man mag die Teilergebnisse religionsphilosophischen Denkens so hoch stellen wie man wolle, ihre immer wieder ans Tageslicht tretende Grundlage ist doch der Wunsch, die Philosophie der jeweiligen Zeit mit der jüdischen Religion aus z »gleichen. Mag auch von einzelnen Vertretern die jüdische Selbständigkeit gewahrt worden sein — vornehmlich ist hier Iehuda Halevi zu nennen — so wird man doch nicht übersehen dürfen, daß der jeweils herrschenden Modephilosophie ein Wahrheitsgehalt zugesprochen wird, unter dem das IudeNtum-sMnd seine Lehre insofern leiden, als sie an fremdem Maßstabe gemessen werden. So verschieden die Literaturwerke sein mögen, die von Saadja' s „Emunot wedeot" bis zu Cohens „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" gehen, in dem einen stimmen sie überein, daß sie alle ein dem Judentum fremdes Prinzip nur deshalb als Grundlage des Judentums zu erweisen versuchen, weil es in der Welt als das wissenschaftliche gilt. Ebenso wie — als ganzes genommen — der More Netz u ch i m oder der Ikkarim lediglich historische Bedeutung ohne praktischen Wert haben, wird auch Cohens Buch dasselbe Schicksal teilen, sobald der auf Kant zurückgehende Rationalismus, der die Vernunft als einzige Offenbarungsquelle betrachtet, anderen Anschauungen Platz ^gemacht hat. Der Subjektivismus, der die Religionsphilosophie schuf, ist darum zu verwerfen, weil er den Einheitscharakter der Religion zurückdrängt und sie von den wechselnden Erfolgen zweifelhafter wissenschaftlicher „Wahrheit" abhängig macht, die Entwicklung demgemäß in Bahnen treibt, die dem Geiste des Judentums fremd sind. Kann man nun dieser subjektiven liberalen Bewegung die Anerkennung nicht versagen, daß sie von tiefstem, sittlichem Ernst