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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 10

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Dr. Goldmann-Leipzig: über objektiven und subjektiven Liberalismus erzeugt werden kann, ergibt sich, daß als. sein Maßstab lediglich das Interesse des eigenen Seins in Frage kommt. Ist bis hierher der Liberalismus eine Erscheinung, welche bei den verschiedensten sozialen und religiösen Systemen als Reaktion auf Entwicklungshemmungen unter diesem oder jenem Namen Vorkommen wird, so erhält er innerhalb der jüdischen Religion besondere Färbung, weil der Charakter des Judentums ihm eigentümliche Hindernisse eines ruhig fortschreitenden Lebens erzeugt. Sie ergeben sich aus zwei Begriffen, ohne die das historische Judentum nicht denkbar ist: Offenbarung und Gesetz! Der die Entwicklung hindernde. Einfluß der Offenbarung beruht gewiß vornehmlich darauf, daß er eine rückwärtsschauende Art der Betrachtung der Dinge als selbstverständlich annimmt, und wenn auch der Messianismus hierzu ein Gegengewicht zu schaffen versucht, so vermag er doch nichts an der Wucht und der faszinierenden Macht der Vergangenheit zu ändern. Dazu kommt aber, daß die Offenbarung einen zeitlichen Ausdruck sucht und sich in Formen und Worte des Tages kleiden muß. Nun ist dem historischen Judentum die Form des Gesetzes eigentümlich, alles Ethische insbesondere drückt es in seiner Gestalt aus. Hat nun die Offenbarung durch die aus ihr sprechende Göttlichkeit den . , Charakter der Vollkommenheit, so schließt das scheinbar jede Entwicklung aus, und göttliche Vollkommenheit eignet fast von selber damit E auch dem Wortlaut von Gesetzen, die ewiges Wollen und Denken in die Münze des Tages umprägen. Die Entwicklung verlangt aber gebieterisch ihr Recht, sie ist da und muß berücksichtigt werden. Sie sucht nun naturgemäß den einer Gesetzesreligion zukommenden Weg, läßt den juristisch formulierten Satz unangetastet, und trägt durch Interpretation — auch im römischen Recht ist sie das Instrument der Entwicklung — dem Leben und seinem Fortgang Rechnung. Wer historisch zu sehen vermag und den Unterschied zwischen der älteren tannattischen und der jüngeren amoräischen Entwicklung des jüdischen Gesetzes erfaßt, wird zugeben, daß auf diesem Wege ursprünglich eine gesunde Entwicklung gewährleistet war. Hemmungen traten aber ein, weil das ganze System auf eine autoritative Behörde zugeschnitten ist, die der Gesamtheit Vorschriften bindender Art zu geben vermag. Die durch das Gesetz erfolgende Entwicklung kann nur wirken, wenn ein Synhedrion für die Einheit des Vorgehens sorgt. Gefährlich wurde es in dem Moment, da eine solche übergeordnete Stelle fehlte. Interpretationen, die von der einen Seite vorgenommen wurden, lehnte die andere ab. Die Masse der Gesetze wuchs, da an ein allgemeines praktisches Abschaffen nicht zu denken war. Dann aber wurde die. Entwicklung Selbstzweck. Ohne Verbindung mit dem Boden des Tatsächlichen wurde in der Studierstube das fügsame Gesetz geknetet und umgeformt, und es begann eine Entwicklung — die Welt nennt sie halb spöttisch, halb verurteilend die „talmudische" — in der Spitzfindigkeit und Freude am juristischen Spiel siegen und dem Lebeu Fesseln anzulegen drohen. Die Göttlichkeit des Gesetzes, seine erhabene Stärke, wird zur quälenden Schwäche, wenn sie der konkreten Form eigen ist und dem Gesetze in jede Verzweigung folgt. Das Wort wird göttlich und nicht der Geist! Jeden Unterschied zwischen „wichtig" und „unwichtig" hebt diese Pfeudogöttlichkeit auf. Das geringste Gebot rein ritueller Natur steht neben dem erhabensten sittlichen Grundsatz. Es entwickelt sich ein Formalismus, der in erster Reihe will, daß dem Wortlaut des Gesetzes genüge geschehe, und in offenbarer Selbsttäuschung durch Beobachtung des Wortlautes der religiösen Vorschrift Dinge äußerlich erfüllt, von denen die Seele weit abrückt. (Verkauf des Chomez am Pessachfeste etc.). So wirkt der Formalismus oft sittlich dem Sinne des tief erfaßten göttlichen Gebotes zuwider, und war er ursprünglich, solange eine autoritative Behörde ihn regelte, ein fügsames Instrument des Fortschrittes,so wird er jetzt ein Diktator, dessen Herrschaft fühlbar drückt. Sein Steg richtet den orthodoxen Gedanken auf. Seitdem der Formalismus das Judentum beherrscht, ist eine Reaktion gegen sein lieberhandnehmen ständig vorhanden, und in dieser oder jener Form ist der Liberalismus als konkrete Bewegung immer wieder zu spüren. And ist des immanenten Liberalismus Wesen in der Tatsache des Lebens zu erblicken, so bedeutet, was wir unter Liberalismus als Partei ver-

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