Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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O O o o Dr. Goldmann-Leipzig. Über objektive»! und subjektiven Liberalismus 9 vor er uns sein Gesetz gegeben hat. Also müssen wir in uns Gottes Volk achten und lieben. Die seelische Realität, das was wir als die Wirklichkeit unsres Selbst erfassen, das Gelebte, nicht bloß Gedachte, dieses uns vor Augen halten, es immer mehr erkennen und klären, das darf Erneuerung der Religion, Verjüngung des Judentums heißen, des einen und selbigen; und in dieser Richtung sich durch keine leblos gewordene Ueber» lieferung und Starrheit ermüden lassen, — das ist Liberalismus. Meine Herren, ich hoffe, daß Ihre Einwände zur Verdeutlichung dieser recht zufammengezogenen Darlegung Gelegenheit bieten werden.*) Hierauf folgt der zweite Vortrag „über objektiven und subjektiven ' Liberalismus". Dr. Goldmann-Leipzig: Beide Teile des Begriffs „jüdischer Liberalismus" haben ihre 'Bedeutung. Ist auch das Wort „liberal" in neuerer Zeit aus der Politik in die Sphäre des Religiösen hinübergenommen, so bezeichnet es doch eine Sache, die so alt wie die Religion selber und die von politischen Bewegungen absolut unabhängig ist. Innerhalb der jüdischen Religion hat aber der Liberalismus besondere Stellung und Bedeutung, die sich aus ihrer charakteristischen Eigenart ergeben. Der Liberalismus ist eine religiöse Partei und eine Bewegung zugleich. Im Grunde ist er lediglich Ausdruck der Tatsache, daß . die Religion ein den Gesetzen organischen Seins unterworfenes Gebilde ist, daß sie lebt und sich entwickelt. Ein Vergleich zwischen verschiedenen Epochen, ihren Anschauungen und Ausdrucksformen, zeigt, daß auch der orthodox sich nennende dieses Naturgesetz nicht hemmen kann. An sich wäre so der Liberalismus wenig mehr als die Fest¬ *) Anmerkung. Zu diesem Vortrag lagen folgende Thesen vor: 1. Der Mißerfolg des jüdischen Liberalismus ist begründet in der Unklarheit seiner Idee. 2. Diese Schwäche beruht zum guten Teil in seinem Bestreben, Religion darzustellen als eine wissenschaftliche haltbare Weltanschauung. 3. Im echten Judentum geht das Leben der Lehre voraus. stellung einer nicht anders zu erwartenden Tatsache. Es liegt freilich im Wesen der Religion, daß sie — auf ewig verknüpft mit Geschehnissen, die weit zurück liegen — gern in der Vergangenheit weilt. Zumal eine Offenbarungsreligion besitzt in der Kraft ihres Entstehungsereignisses ein der Fortentwicklung sich stark widersetzendes Element. Pietät und rückwärts gewandtes Denken fallen dem rollenden Rade in die Speichen, verlangsamen das Leben, suchen seine Kräfte lahmzulegen oder zum mindesten zu leugnen. Dann wehrt sich das Leben, und der Liberalismus wird Selbstzweck, wird politische Partei, die zur hemmenden Macht in bewußten Gegensatz tritt. Der Liberalismus ist als . Prinzip dem Judentum immanent, als Partei ist er Reaktion auf retardierende Tendenzen, deren Gegner-; schaft ihn ins Leben ruft. Sein Gegensatz ist die Orthodoxie, die Leben und Entwicklung leugnet oder unterdrückt, weil die Lehre vom vollkommenen Gotte und dem vollkommenen Offenbarungs»; Worte sich mit einer Entwicklungslehre schlechterdings nicht verträgt. Muß man bei der Orthodoxie die Folgerichtigkeit und das Ge-; schlossene des Systems bewundernd anerkennen, so bieten Konservativismus und Reformjudentum das Bild der unentschlossenen Schwäche dar. Ersterer verwirft die Entwicklung prinzipiell nicht, macht sie aber abhängig von der durch die Außenwelt diktierten Notwendigkeit, nicht aber von der in- - neren Natur des Judentums und dem dadurch bedingten Bedürfnis. Er verlegt den Antrieb für die Entwicklung an die Peripherie und darüber hinaus. Das Reformjudentum dagegen paßt sich sprunghaft den Zeitanschauungen an, ohne ihren Wert und den der aufgegebenen jüdischen Anschauung zu prüfen. Beiden Bewegungen ist die Schwäche eigen, daß sie lediglich in der Zeit wurzeln. Der Liberalismus hat an sich mit dem Inhalt der Entwicklung wenig zu tun. Er ist lediglich formelles Prinzip, das den ungehemmten Fluß religiösen Lebens sichert. Er kann als der Wächter gelten, der dafür sorgt, daß der lebendigen Entwicklung stets zu ihrem Rechte verholfen werden muß. Und da älles Leben aus der Tiefe des Organismus quillt, nicht aber durch äußere Stimulantteu