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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 8

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Dr. Wiener-(Stettin: Was heißt religiöse Erneuerung? o o o o 8 Gedanke entstand; denn der Erdgeruch seiner Entstehung haftet ihm im. Gipfel der Entfaltung noch an. Menschheit gab's bei den Stoikern und bei den Propheten, Gefühl für Menschenwürde bei der Aufklärung und bei dem orthodoxesten Juden, der doch nie das Wort gehört hat. Aber es bedeutet aus beiden Seiten — und das zeigt sich in der Wirkung — etwas ganz Verschiedenes: Wir Liberalen begehen gegenüber dem Geist des Iudentums den schwersten Fehler, viel schwerer als der ist, in den Orthodoxie oder Zionismus verfallen, wenn wir die Konkretheit, die Lebenshaltigkeit jüdischer Wirklichkeit Ideen , und Idealen aufopfern, die wohl erhaben, die auch jüdisch sind, die aber den Zusammenhang mit der Unmittelbarkeit nicht bloß des jüdischen, sondern jedes Lebens vermissen lassen. Meine Herren, es kommt alles auf die Nüance an. Und die,^ wie mir scheint, vernachlässigte Nüance sollte hier unterstrichen werden. Welche praktische Konsequenzen ergeben sich daraus? Beachten wir einmal wohl den grundsätzlichen Unterschied zwischen politischen und religiösen Parteien! Die festeste politische Ueberzeugung kann einem besonnenen Menschen nicht die Augen verschließen, daß die'Gegenpartei, die bcmri fides vorausgesetzt — wohl anders denkt als ich. nicht aber daß grundsätzliche Verkehrtheit, absoluter Widersinn den Inhalt ihres Programmes ^bildet. ' Ein Staat kann liberal, er kann konservativ regiert werden. Er kann sozialistisch, er kann pripatwirtschäftlich aufgebaut sein. Kein vernünftige r Politiker irgend einer Partei wird das in Abrede stellen. Er kann nur glauben, daß sein Programm dem Volke zum reicheren Segen ausschlagen wird als das seiner Opposition. In der Religion ist es anders. Wir dürfen uns letzten Endes nicht als liberale Juden fühlen, sondern als Juden, die glauben, daß ihre Auffassung vom Judentum die allein richtige ist. Gott hat von Angesicht zu Angesicht zu Moses gesprochen oder hat es nicht getan. Aber ob Autorität, oder Majorität politisches Glück begründet, dafür gibt es wohl eine stimmungsmäßjge Ueberzeugung, Zweckmäßigkeitsgründe dafür oder dawider, nicht aber eine absolute Entschetdüng. Wir wollen also nicht ein bestimmtes Judentum, eins mit Auswahl, dem gegenüber ein andres, nach andren Auswahlprinzipien gebildet, ein andres Gesicht aufwiese, sondern wir wollen das Judentum- Ist dieses zu allen Zeiten als der reale Zusammenhang jüdischer Menschen empfunden worden, so können wir unmöglich daraus ein ' System von Weltanschauung machen und uns damit genüge sein lassen. Liberal sind wir, insofern wir nicht orthodox sind, nicht die Gestalt des Judentums aus dem 19. Jahrhundert für sein ewiges Gesicht uns aufreden lassen. Im übrigen sind wir Juden ohne- Epitheton. Wir dürfen nicht dasjenige, was in der zionistischen Bewegung allgemein jüdisch ist, verkennen, wir müssen vielmehr trotz, allem, was uns vom Zionismus trennt, klar sehen, daß in der durch ihn bewirkten oderdoch energisch gewollten Zusammenfassung jüdischer Menschheit, abseits von allem Nationalen, was man ablehnen mag, ein religiöser Wert von unmittelbarer Kraft und Bedeutung zutagetritt; denn wenn irgend etwas aus der Betrachtung der Kontinuierlichkeit des geschichtlichen Lebens zu lernen ist, so ist es dies: das Judentum ist von den Tagen seiner Entstehung ab bis heute in hervorragender Weise Gemeinschaftsreligion gewesen. Die Grundlegung des Religionserlebnisses hat Iehuda Halewi für alle Zeit giltig darin gesehen, daß die sinaitische Offenbarung der Gesamtheit des Volkes zuteit ward. Erhaltung des Judentums, der jüdischen Menschheit bedeutet darum nicht bloß die Bedingung, daß in wirklichen Persönlichkeiten jüdische Gedanken fortleben; sondern daS Bewußtsein der geschlossenen Gemeinschaft als solcher ist der vornehmste Sitz der lebendigen Frömmigkeit. Wenn wir dieses anerkennen und zu wirklicher Bedeutsamkeit in unseren Herzen erheben, — dann müssen wir überzeugt sein, daß der geistige Gehalt jüdischen. Gottesglaubens zwar Lin sehr wichtiger, aber doch eben nur ein Moment in der ^Totalität des jüdischen Seins ist. Nicht nur Geist,. Gedanke, Idee, Weltanschauung darf uns ge- ' sangennehmen, sondern die Seele unsrer Ge- . meinschaft muß uns ebenso Wirklichkeit höchst regsamen Lebens bedeuten. Wahrlich nichtzu dem Zweck, sie chauvinistisch zu verhimmeln, sdndern um an ihrer Läuterung des Amos' Wort zu bewähren: „Nur euch habe' ich auserwählt von allen Geschlechtern des Erdreiches; darum ahnde ich an euch alle eure: Missetaten." Gott hat uns auserpählt, be»

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