Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Wiener Stettin: Was heißt religiöse Erneuerung? 7 Wenn aber unser Liberalismus kein Leben gebracht hat, so liegt es wohl daran, daß er das Leben des Judentums nicht ergriffen hat. Seit 100 Jahren wird uns der Charak- - ter des Judentums in den Umrissen einer Weltansicht geschildert, die reiner abstrakter Monotheismus, messianischer Glaube an Menschheitserlösung, Optimismus, Ursprünglichkeit der seelischen Kraft sei, kurz und gut als der Gehalt ethisch metaphysischer Anschauungen über Gott, Seele und Welt. Der gepredigte Liberalismus der letzten drei Generationen trägt daran die Schuld, daß sich kn den Köpfen zumal der gebildeten Juden, die nur einen geistigen Gott kennen, nämlich die Wissenschaft, oder was sie dafür hal- , ten, als das Wesen des Judentums jene Sätze erschienen, die zwar nicht bedenkenfrei, aber doch immerhin, verglichen mit der-offensichtlichen Nichtvernünftigkeit der christlichen Dogmen, noch leidlich hinzunehmen seien. Dieses liberale Judentum ist seinem Inhalte wie seinem historischen Zusammenhang nach, der über die Person des Moses Mendelssohn geht, nichts andres als ein Ableger der deistischen Aufklärung. Und dem Wesen liberalistischer Denkwesse entricht es durchaus an die Stelle .seelischer Konkretheit, an den -Platz der Wirklichkeit des Lebens, der Wirksamkeit des tatsächlichen Gefühls, den Gedanken, die Idee, eben die Weltanschauung zu setzen. Das Leben des Judentums aber sind die lebendigen Juden, der konkrete Zusammenhang jüdischen Menschtums in seiner Allheit. Es ist nicht möglich, den Ge-, halt des Judentums auf eine Konfession zusammenschrumpfen zu lassen, wie aus der Betonung des lediglich weltanschaulichen notwendig folgt.- Es ist keine Aufgabe, die wir jvon Religionswegen haben, zu leugnen, daß \ wir jüdische Menschen von-bestimmter seeli- , scher Art, von einem eigenen Empfinden, von einer solchen Prägung sind, daß wir uns nicht - bloß durch die Religion, will sagen, durch . einen Glauben an .ein paar Formeln von den andern unterscheiden. Die Frage des .Zionismus ist eine politische; die Frage aber, daß wir Juden auch als religiöse Juden eine Wirklichkeit nur bedeuten, wenn wir. in der tiefsten Verwurzelung mit unserm Stamm -etwas Gottbestimmtes erkennen, eine religiöse Tatsache also von höchster Bedeutsamkeit ergeben, mit andern Worten, daß wir das In» dentum nicht denken, sondern als jüdische Menschen es als die Substanz unsres persönlichen Wesens fühlen, das sind Dinge von einer Schwere und einem Gewicht, daß sie keinen Augenblick vergessen werden sollten. Das Irrationale des Judentums ist die Irrationalität des unableitbaren nur zu lebenden Lebens, des Daseins der jüdischen Menschen. Zu unserm religiösen Bewußtsein gehört notwendig das Gefühl der besonderen Art, der eigenen Geprägtheit. Wir können nicht von Religionswegen wünschen, durch Bekehrung so viele andre in uns aufzunehmen und mit uns zu verschmelzen, daß unser eigenes Wesen darüber sich verflüchtigt und vernichtet wird. Gewiß hat es einmal eine sehr wirkungskräftige Propaganda zum Iudendentum gegeben; aber das Christentum hat ihre Früchte geerntet, und es mußte so sein, weil das Christentum allein über einem Gedanklichen, über einem Weltanschaulichen errichtet, sich vollkommen abzulösen weiß von bestimmten Menschen; das Judentum nicht, will es nicht, kann es nicht, ohne sich selbst zu vernichten. Das ist dort nicht Vorzug und bei uns nicht Schwäche, sondern eine Gegebenheit der Wirklichkeit, die wir anerkennen, respektieren, aber nicht wegdeuten, wegzaubern sollen. Nie ist der Durchschnittschrist aller Zeiten so sehr Christ gewesen wie der Durchschnittsjude Iude/war. Alle diese Dinge haben gar nichts mit Nationalismus zu tun; sondern sie sind nichts andres als der Ausdruck der Tatsache, daß Judentum ein konkretes, erdhaftes, bestimmtes, wirkliches Sein ist, ' nicht ein Gefüge von Gedanken, selbst absolut wahrer Gedanken, die sich gleichsam niedergelassen haben auf einen bestimmten Ausschnitt der Menschheit. Monotheismus, Aniversalismus, Menschheitsempfindung sind jüdische Gebilde, aber nicht in der Form — und das ist einer der Grundfehler der liberalen Auffassung und ganz besonders der liberalen-Ausdeutung der Propheten, die so gern für. diese Parteirichtung mit Beschlag belegt werden —,~ daß diese irgendwie als Gedanken auf die Welt gekommen wären;. sondern allein das Gefühl der engsten Zusammengehörigkeit jüdischen Menschseins mit Gott hat die Idee der Menschheit im Judentum als eine Empfindung geboren, und als Empfindung lebt sie in uns fort, wo sie lebt. Auf dem Gebiets des Geistes ist es nicht gleichgültig, wie sin