Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Dr. Wiener Stettin: Was heißt religiöse Erneuerung? Der tiefste Grund für diesen religionsgeschichtlichen Irrweg liegt darin, daß die weltanschauliche Seite des Religiösen als sein Kixrn angesehen wird, daß seine Wahrheit gesucht und diese Wahrheit nach Analogie mit wissenschaftlicher Erkenntnis bestimmt ° wird. Wenn Schopenhauer die Religion Metaphysik des Volkes heißt, so ist diese Bezeichnung charakterisierend für die tatsächliche Auffassung. Und wenn man den Verfall des -positiven Glaubens in den Kreisen von Bildung und Halbbildung auf seine Ursachen hin prüft, so beobachtet man wiederum, daß die religiöse Erkenntnis der Welt, ihrer Einrichtung Und ihres geschichtlichen Inhalts,. also das, was eine kirchliche Organisation der Religionsgemeinde in das Dogma faßt, eben nicht die Konkurrenz der freien voraussetzungslosen Wissenschaft oder was man für eine solche Wissenschaft hält, auszuhalten vermochte. Die weltliche Wissenschaft überwindet die aus den Quellen der Offenbarung gespeiste, und dann ist freilich das Ende das Nichts. Das Christentum aber ist über dem Dogma errichtet worden. Indem der Glaube an seine Wahrheit, das rechte Bekenntnis, zum Kriterium des ' echten Christen wurde, ist' diese Begriffsbestimmung unbewußt aber recht wirksam in die religionsgeschichtliche Beurteilung eingegängen. Indem aber die religiöse Wahrheit, Wahrheit in dem theoretischen Sinne fein wollte, mußte sie von diesem Begriff der wissenschaftlichen Erkenntnis ° das Merkmal der Ausschließlichkeit und Einzigkeit, den Anspruch auf Alleinherrschaft in sich aufnehmen. Jede Weltanschauung tut das und muß das tun; denn sie ist auf der wesenhaften Intoleranz der Vernunft gegründet. So wurde Katholizität im Sinne der Alleinberechtigung, der Monopolstellung in der Gewissensbeherr- , schung zu ihreranerkannten Natur. Will sich nun die wissenschaftliche Würdigung der religiösen Erscheinungen von den sie beirrenden Konsequenzen der Weltreligionsidee freimachen, so muß sie den Intellektualismus und Rationalismus durchschauen, in die sich das Christentum von Haus aus durch seinen dogmatischen Aufbau verstrickt hat. 1 Meine Herren, uns scheint das Judentum seiner Natur nach durch seine tatsächliche Begrenztheit auf einen bestimmten Stamm eine Religion zu sein, der man in gar keiner ' Weise gerecht wird, wenn man die Momente des Universal-weltanschaulichen, die selbstverständlich in ihm vorhanden sind, aus dem Komplex des jüdischen Lebens heraussondert, sie als das ganz Wesentliche unterstreicht, und in dem übrigen etwas sieht, mit dem man nichts Rechtes zu beginnen weiß, das am besten vergessen wird. Was aber ist das Wesen jener Gestimmtheit und religiösen Gesinnung, die sich als Liberalismus, als religiöse Aufklärung im westlichen, zumal im deutschen Judentum dem Traditionalismus, wie man. es zu nennen Pflegt, der Orthodoxie gegenübergestellt hat? Man kann es gerade auf Grund der sichtbarsten zu Tage tretenden Meinung, die in einer Abkehr vom Uebermaß des Rituellen besteht, positiv deuten als den Versuch, die Keime des universal Menschlichen, die im Wesen des spezifisch Jüdischen liegen, zu einer allgemeingültigen Weltanschauung auszuweiten. Der Kampf gegen abgelebte Formen, den der Radikalismus bald in eine Absage gegen'die gegebene Gestaltung des Judentums in Gottesdienst und Leben überhaupt übertrieb, die Säkularisierung des jüdischen Menschen, d. h. seine Ablösung von der religiös ethnischen Grundlage, in die er sich bislang eingebettet fühlte, die Begrenzung des Jüdischen auf einen lehrbar weltanschaulichen Gehalt, die Abneigung gegen das Nationale nicht bloß im Sinne der politischen Wiederherstellung eines jüdischen Staates "im Erez Israel und gegen eine-^eigeuständige jüdische Kultur in den Ländern der Diaspora, sondern schon in der Bedeutung der Ablehnung oder doch des MißtraueM gegenüber den konkret lebenswichtigen Momenten der Frömmigfeit, z. B. der hebräischen Gebetssprache, alles das bedeutet zunächst eine Entkonkretisierung, eine Verdünnung der religiösen Wirklichkeit überhaupt. Am ganz deutlich verstanden zu werden, der Versuch, das Historische zu überwinden, könnte als das Zeichen einer aufs höchste gespannten Lebenskraft gelten. Die Auflehnung gegen die jüdische Tradition, die grundsätzliche Zertrümmerung zahlreicher hohl, und nichtssagend gewordener Formen der Religiosität/ und mögen sie sich hundertmal auf die talmudisch ausgelegte Tora berufen, die Vereinfachung oder gänzliche Abtragung des Zauns um das Gesetz, die Geltendmachung des Rechtes,, alte Gebete auszumerzen und neue einzuführen, kann einem besonnenen wahrhaft freien Geist nur willkommen sein.