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Liberales Judentum · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 5

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Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Dr. Wiener-Stettin: Was heißt religiöse Erneuerung? 5 gung zu konstituieren und ihren Arbeitsplan aufzustellen. Für die eherechtliche Kommission werde nach der Mittagspause Kollege Blumenthal,: für die gottesdienstliche werde er ($>er Vorsitzende) selber Bericht erstatten. Da der Vorsitzende der Religionsunterrichtskommission, Kollege Jacob, nicht anwesend sei, habe sich die dritte Kommission noch nicht konstituieren können. Was die Oekonomie der Tagesordnung betreffe. so schlage er vor, zunächst hintereinander die drei Referate Wiener, Goldman» und Vogelstein anzusetzen und alsdann erst in die allgemeine Diskussion einzutreten, in welche auch der Vortrag des Kollegen Dienemann in Frankfurt „über die Bedeutung des Irrationalen für das liberale Judentum" einbezogen werden solle. Da sich, kein Widerspruch erhebt, erteilte nunmehr der VoEtzende dem Kollegen Wiener das Wort "zu seinem Vortrag: „Was heißt religiöse Erneuerung?" Dr/W iener-Stettin: Meine Herren, die Erneuerung der Religion, die Erfüllung der Menschen, die der Zufall der Geburt in ihre .Gemeinschaft hineingestellt, mit jungem Geist, — das ist, ganz allgemein gesprochen, der Sinn der besonderen Aufgabe, die wir uns gesetzt haben. Nicht eine neue Relihion, sondern Erneuerung, Verjüngung der alten. Des eigentlichen, des wesenhasten Charakters dieser innewerden, das wäre also der erste Schritt auf unserm Wege. Aber diese Forderung der Selbstbesinnung kann gerade von uns Juden so außerordentlich schwer erfüllt werden, weil über der ganzen Breite mindestens unsres gegenwärtigen. Lebens die Tragik schwebt, daß w'ir die Wenigen unter den Vielen sind. Das bewirkt für eine klare Deutung des tatsächlichen Selbstbewußtseins der jüdischen Religion das Verhängnis, daß wir bei der denkenden Betrachtung der religiösen Idee, hei der Formierung der allgemeinsten Normen und Kategorien, in denen ihr Gehalt sich ordnet, aufs stärkste beeinflußt sind, beeinflußt von dem tatsächlich oder auch bloß dem Namen nach zur Religion der erdrückenden Mehrheit gewordenen Christentum. Daß wir das recht verstehen, nicht von dem Einfluß reden wir, den der bestimmte Inhalt der christlichen Religion.auf jüdisches Denken und Empfinden ausübt, nicht davon, daß vielleicht der weltanschauliche Gehalt des Christentums auf unsre religiöse Vorstellungswelt über Gebühr eingewirkt, daß der Kultus der Kirche unsre gottesdienstliche Reform in Bahnen gedrängt,- die nicht mehr der richtige Ausdruck innerlich jüdischen Lebens seien, sondern davon» daß wir seit der Emanzipation der Juden im westlichen Europa mehr und mehr einem nichtjüdischen Religionsbegriff verfallen sind. Es ist ganz natürlich, daß es so kommen mußte; . denn die Emanzipation brachte uns in die Gefahr der vollkommenen Assimiliation. Und in der Verteidigung unsrer religiösen und geistigen Eigenart, in der Selbstbehauptung unsres Wesens, das in der Tiefe wesentlich als religiöses empfunden wurde, mußte der allgemeine Begriff der religiösen Idee in den Vordergrund rücken, d. h. Judentum mußte mit Christentum verglichen werden, an der Idee der wahren Religion mußten sie sich beide ausweisen; und indem man glaubte, daß diese Idee der wahren Religion zusammenfiel mit derjenigen der Weltanschauung, ging alles Streben der liberalen Betrachtung des Judentums darauf aus, zu zeigen, daß die jüdische Weltanschauung wahrer, jener Idee verwandter sei. als die christliche, daß wir also die Vernunft auf unsrer Seite hätten. Die übliche geschichtliche Einteilung und Wertung scheidet die Weltreligionen von den andern, die tatsächlich oder sogar ihrem laut ausgesprochenen Wesen nach auf einen beschränkten Kreis von Gläubigen sich begrenzen. Diese Auffassung, welche die „höhere" Religion im allgemeinen der an Bekennerzahl gleichsetzt, erscheint den Beurteilern so selbstverständlich, daß das Judentum als Religion ohne weiteres aus dem Bezirk der „höheren" ausgeschieden, als eine niederen Wertes betrachtet wird. Das ist die Tragik der Wenigen unter den Vielen. Sie wäre vor^ den Juden hinzunehmen, wenn sich in dieser Beurteilung nur offenkundig apologetische Absichten auf der Mehrheitsseite herausstellten. Sie steigert sich aber zu einer unerträglichen Höhe, wenn jene Beurteilung von den Juden vielfach als eine sachlich gültige anerkannt und nunmehr von ihnen selbst der Versuch ge», macht wird, das Judentum als eine auf ihrem Wege zur Menschheitseroberung steckengebliebene Religion hinzustellen, es gleichsam entschuldigend zu erklären, wenn ihm Christentum und Islam das Wasser abgegraben.

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