Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 10-12 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 83 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3126481-3126607-3126611--2709-3129573- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
83 Dr. M. Spanier-Berlin: Psalm 121 Auf das Wort, daß der Hüter nicht schlummere, folgt nun bekräftigend und verallgemeinernd der tröstliche Zuruf der andern Chorgruppe, daß Gott, der 3chomer jisrael, der Hüter des ganzen Volles, immer wache. Nicht wie jene Hüter, die man kennt, die vor den Hütten der Weinberge stehen und in der Nähe der fruchtbaren Felder, tapfere» zuverlässige Männer, mit trefflichen Waffen versehen, — manchmal schließen sie doch am Tage in Stunden der Ruhe die Augen und schlummern ein wenig. Und schließlich müssen sie alle im Wechsel mit den Genossen, die sie von der Wacht ablösen, im Schlafe wieder Kräfte sammeln für eine neue Wacht. Aber dieser Hüter ist der Ewige! Es liegt etwas wunderbar Stärkendes in dem nun folgenden kurzen Satze mit nur zwei Worten: der Ewige — der Segensqüell des echten Gottesnamens strömt gleichsam seine Kraft aus -- dein Hirt. Da braucht das Herz nicht aufgeregt zu pochen, da kann es glücklich sein. Aber nicht genug tun. können sich die Wünschenden, die Gnadenwirkungen des güttgen Gottes müssen sie doch auch im einzelnen noch nennen. „Gott ist dein Schatten auf deiner rechten Hand." Welch ein Labsal okn gluterhitzten Tagen der Schatten ist, weiß jeder im Morgenlande. So nimmt dgs Wort für^ Schatten (zel) geradezu die Bedeutung Schutz an. Die wirkende und schaffende Hand hat den Schatten am ehesten nötig, — aber man wird den Satz so wörtlich kaum zu verstehen haben. Auch die Wendung „zu deiner Rechten" ist geradezu formelhaft, auf uralte Lebensgewohnheiten zurückgehend. Wie man sich mit der Rechten überhaupt wehrt, — auch „des Ewigen Rechte ist erhoben, des Ewigen Rechte schafft Sieg" — so stand der Schützende dem Angeklagten zur Rechten, im Kampfe an der - rechten Seite. Daher wird das Wort, das bildhafteren Inhalt hat, doch ganz in demselben Sinne gebraucht, wie wir im Deutschen „zur Seite stehen" anwenden. Immer aber schimmert in solchen Ausdrücken die ursprüngliche Bedeutung noch durch. So mag das Wort „Schatten" zur Anknüpfung dienen für den Wunsch, daß Gottes schattende Hand liegen möge vor den heftigen Strahlen der Sonrw und dem schädlichen Scheine des Mondes. Denn daß das Licht des Mondes, das wir als mild und besänftigend anzusehen gewohnt sind, schwere Schädigungen üben kann. Ist im Morgenlande eine verbreitete Anschauung. ' Noch zweimal am Anfang des Verses läßt das Lied heilwünschend den Gottesnamen wie ein' segenspendendes Licht den Abziehenden auf den Weg Nachleuchten. lind im Wunsche klingt's schon wie Gewißheit der Erfüllung. Er möge vor allem Unheil bewahren und dein Leben erhalten. Er hüte deinen „Ausgang und Eingang", dein Scheiden und dein Wiederkommen. Wohl mögen diese auch bei uns formelhaft gewordenen Worte „Ausgang und Eingang" in ihrem gewöhnlichen Gebrauch schon abgeblaßt sein zur Bezeichnung von Handel und Wandel überhaupt, aber-- an dieser Stelle hat man sie doch in der eigentlichen Bedeutung zu nehmen. Und wenn das letzte Wort in seiner Verallgemeinerung für unser Gefühl vielleicht etwas zu weit geht („von nun an bis in Ewigkeit"), so ist es geraten, sich an seine Grundbedeutung zu erinnern: von jetzt ab bis in die verhüllte Ferne, und denformelhaften Ausdruck nicht anders zu nehmen, als etwa in dem Sinne: immerdar. Wer solchen Schutzes sich freuen kann, der ist zu keiner Zeit verlassen. Sehr schön ist in diesem Sang der Wechsel der Rhythmen. In den ersten drei Versen — sie bilden eigentlich schon ein vollständiges Lied für sich — in denen die Unruhe des Herzens doch stärker noch pocht, wechseln drei Hebungen (in jedem Halbvers) miteinander. Beruhigter in der leichten Gliederung des sechshebigen Rhythmus (je drei Zweier, von denen zwei oft enger verbunden sind) klingen die volleren Verse bis zum Schlüsse. Glückwünschende Herzen quellen über. Man vergleiche z. B.: Essä enäj el heharlm — meäjin jawo esri mit hinne lo janüm — w’lö jischön — schomer jisrael. Rabbi Iochanan hat einmal mit Versen aus den drei Teilen der Heiligen Schrift gezeigt, wie Gott in seiner allweltlichen Erhabenheit doch zugleich fürsorglich der bedrängten Menschenseelen, die des Schutzes bedürfen, sich annimmt. Wie ist's mit den Psalmen? Aus einem ganz besonderen Anlaß sind sie geboren. Es wird in den seltensten Fällen möglich seih, die poesieschaffende Gelegenheit uns wieder zu vergegenwärtigen oder gar mit „wissenschaftlicher" Sicherheit festzustellen. Aber jener Zwang des Augenblicks hat in dem