Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 10-12 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 82 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Dr. M. Spanier-Berlin: Psalm 121 den pilgerten, sangen aus ihren Zügen. Es wurde überhaupt viel. in Israel gesungen. Noch aus spaterer Zeit, als schon viel nationales Unglück vom Volke erlitten war, wird uns berichtet, wie der Hirt, der Landmann, der Handwerker und der Schiffer „Psalmen" sangen bei ihrem Tagewerk. Der Ruf israelitischer Sangeskunst war schon früh in-die Weite gedrungen. Aber aus fremdem Boden wollte der fromme Sänger das Lied» das ihm heilig war, nicht singen. In diesen Wallfahrtsliedern — nur so wird man die schire hamaaloth erklären — lebt der frtzie Atem frischen Wanderns, etwas Helles und Naturhaftes klingt in ihnen, etwas Volksliedartiges. Unsere Sammlung hat nur die religiösen Lieder bewahrt. In ihnen klingt ein besonderer Ton schlichter Innigkeit. Es fehlt alles rein Kultische, auch alles,^ Grüblerische, man glaubt noch zu spüren,*daß die Lieder in freier Gottesluft gesungen sind. In der ersten Zeile des Gedichts stellt leise Bangigkeit die Frage: woher kommt mir Hilfe! Die Augen suchen nicht den Schutz im Nahen, da unten bei den Menschen — sie schweifen in die Ferne, wo die blauen Berge den Blick begrenzen und gen Himmel heben. Und das Vertrauen antwortet schnell: Hilfe ist bei Gott, dem Schöpfer des Alls. Er nur allein, der Ewige und Mächtige, der alles wirkt, ist auch mein Schutz! Wer so den Blick zu den Höhen und zum Höchsten wendet, braucht nicht gerade nach den Bergen um Jerusalem zu schauen — nach Art der frommen Beter, die den Blick zum Heiligtum wenden. Doch läßt sich diese Auffassung nicht ganz abweisen.. Heißt es doch auch im 134. Psalm: Der Ewige segne dich von Zion aus, der Himmel und Erde geschaffen hat. Und so mag der Hilfesuchende auch seinen Blick nach dem fernen Jerusalem richten, „das von Bergen umgeben ist" (Ps. 125,2). Der Blick auf,dieses Heiligtum, das seine Augen, bald zu sehen hoffen, versperrt ihm ja nicht den Weg zum Höchsten, sondern leitet ihn dahin. Die beiden ersten Zeilen sind die einzigen, die in der Ichform reden. Gleich der dritte Vers, der im Rhythmus ganz mit den beiden ersten übereinstimmt, spricht zum Betenden. Er bekräftigt mit gutem Wunsch das Wort des Vertrauens: der Mächtige da oben, er lasse deine wandernden Füße keinen Fehltritt tun. Stets wache er über Dich! Wer spricht hier zum Betenden? Wie erklärt sich die Form der Wechselrede? 2m Heiligtum spricht zum zagenden Beter so der Priester, der das Wort Gottes kündet. Aber hier — so hat man mit Recht gesagt — ist ein bestellter Mittler zwischen Bangen und Vertrauen nicht nötig. Hier spricht der Fromme zu seiner eigenen Seele. Nur die Form jener Rede ist beibehalten. '' "Aber vielleicht ist auch der Gedanke nicht zurückzuweisen, daß der Wechsel der Personen durch die Verschiedenheit der Chorgruppen bedingt ist. Die „Wissenschaft" bietet nicht immer so ausschließlich gesicherte Annahmen, wie manche meinen. Vielleicht ist eine Auffassung im Grunde genommen wissenschaftlicher, die sich der Fülle der Möglichkeiten bewußt ist und nicht in eitler Selbstgenügsamkeit nur eine und ihre Festsetzung für erwiesen hält. An den Toren des Ortes sammelt sich die Schar der Scheidenden, die die Fahrt zu den heiligen Stätten unternehmen wollen. Mag man auch bald mit andern gemeinsam wandern, nicht gefahrlos ist die Reise. Mag man auch die Unbill des Wetters, die Schwierigkeiten der Wege überwinden, listige Feinde des Volkes können Ueberfälle planen. Wie nahe sind oft die. Friedensgegner und Händelsucher! Das' erste Wallfahrtslied unserer Sammlung (Psalm 120) schließt ja in Gedanken an jene wilden Nachbarstämme mit den Worten: Ich bin ganz Friede; doch wenn ich nur rede, so fangen sie Streit an! Da darf wohl ein Bangen über das Herz der Pilger^ kommen, und der Führer spricht es aus. Er spricht es nur aus, um die Bangigkeit zu scheuchen; ^denn er fühlt sich geborgen unter dem Schutze des Allmächtigen. Die Zurückbleibenden aber, sie können die Scheidenden nur in solchem Vertrauen stärken. Innige Wünsche und fromme Gebete senden sie ihnen nach wie gütige Engel zur Begleitung. Zu beiden Seiten des Tores stehen sie, die nicht mitziehen können, und wie der Zug die Heimat verläßt, . stimmen sie im Wechstzlgesang ihre segnenden Lieder. Jeder einzelne in sicherer Hut! ' Eigentlich sprichst alles nur noch vom Hüter, Wächter (schomer) und seinem Wirken. Der Ball dieses Wortes wird gleichsam von der einen Chorgruppe der andern immer wieder zugeworfen mit immer neuer Bekräftigung, mit immer stärkeren Segenswünschen.