Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 10-12 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 81 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. M. Spanier-Berlin: Psalm 121 81 Den Sabbath-Abend mit uns feiern (die wir um Freitag-Abend selbstverständlich für unsere Kinder zu Hause sind) — dann erleben sie . dies Hinausgehobensein über den Alltag mit seinen kleinen und großen Sorgen, lange ehe sie die abstrakte Idee zu fassen vermögen, lind ohne Uebertreibung darf ich sagen, der Freitag-Abend leuchtet ihnen durch die ganze Woche, und jedes Mal freuen sie sich von neuem, wenn er da ist. ' Es ist einer der verhängnisvollsten Fehler der älteren Generation gewesen, daß sie alle Form plötzlich verächtlich von sich warfen. Es ist eine Kinderkrankheit gewesen! Lassen wir es eine Kinderkrankheit gewesen sein! Alles Leben muß sich in irgendwelchen Formen äußern. Für die allermeisten von uns ist die Höhenluft der formlosen Idee höchstens in kurzen gehobenen Augenblicken des Daseins wohltuend, für alle 365 Tage des Jahres aber zu dünn und zu kalt. Die ehrwürdigen Formen des Judentums bringen Wärme, Freude, Farbe, Weihe in unser Leben. Sie sind so gefühlbeladen und mit soviel in Worten schwer faßbaren Imponderabilien durchtränkt, daß neue Formen sich neben ihnen nur schwer durchzusetzen vermögen. Immerhin, wo ein inneres Bedürfnis nach Neuem wirklich vorhanden ist, da setzt es sich langsam durch: ich denke an die. ganz moderne Form unserer Chanukkafeiern und an die Einsegnung der Mädchen. Jüdisches Leben in jüdischem Geiste und in einer, wenn auch noch so modernen jüdischen Form, das ist ein starker gemeinsamer Boden für Eltern und Jugend, vielleicht der, in dem-man am festesten wurzelt und am stärksten die Gemeinsamkeit fühlt. Auf diesem Boden werden wir unsere Kinder und unsere Kinder uns^arn Judentum halten. Es wird gerade das» was das Haus ihnen in dieser Beziehung bietet, zu den unverlierbaren Erinnerungen ihres Lebens gehören. So schaffen und leben wir ein lebendiges Judentum. So werden wir den Kampf um unsere Selbstbehauptung, die die Einigung der ganzen Menschheit in der Erfüllung der göttlichen Forderung zum Ziele hat, mit Stolz und Demut im Geiste unserer Ahnen weiter führen. Psalm 121. Von Dr. M. Spanier-Berlin. Ich hebe meine Augen zu den Bergen: von wannen kommt meine Hilfe? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Er lasse.Deinen Fuß nicht gleiten, nicht schlummert Dein Hüter! Nein, nicht schlummert und nicht schläft ' der Hüter Israels. ' , . Der Herr Dein Hüter, der Herr Dein Schatten zu Deiner rechten Hand. Am Tage wird Dich die Sonne nicht stechen, noch der Mond des Nachts. Der Herr behütet Dich vor allem Bösen, er behütet Dein Leben. , Der Herr behütet Dein Gehen und Kommen, von nun an bis in Ewigkeit. . „Ich hebe meine Augen zu den Bergen!" Hat nicht so ein Wort, wenn der Wust der Alltäglichkeit, all das Kleine und Niedrige sich gar zu sehr an dich drängte und dir den Atem Preßte, dich wie mit einem Zauberschlage emporgerissen? Wie rauscht majestätisch der Klang: Essa enai el heharim! Erhebung, Erhebung! klingt dir entgegen. Und dein Blick weitet, sich und lenkt sich ab von all dem Nahen und Allzunahen. Du fühlst Dich wie auf Bergesgipfel gehoben, und tief unter dir liegt, was dich bedrückt und dich herabziehen wollte. Siehe, das Gebet hat einen anderen Inhalt, einen anderen Anlaß; aber du ergreifst das eine Wort in der Not deines Herzens, und es ergreift dich und sänftigt wie mit streichelnder Mutterhand dein erregtes Gemüt. Du hast keinen Grund mehr zu lächeln über die Art unserer Alten, die in all ihren Nöten zu einzelnen Psalmen wie zu Heilmitteln griffen. Ja, wunderbare Kräfte der Erquickung wirken nach in diesen vor Jahrtausenden aus übervoller Empfindung gestalteten Urformen des Gebets. Du verspürst in dir selbst den tiefen Atemzug einer sich Gott ganz hingebenden Seele» und die Stimmung des Friedens senkt sich auf dich herab. Unser Psalm gehört zur Gruppe der Wallfahrtslieder. .Die Scharen der frohen Wanderer, die alljährlich zum Heiligtume Gottes nach Jerusalem auf oft beschwerlichen Pfa-