Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 10-12 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 80 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Thea Arndt-Berlin: Was Von dem Nächsten nichts wissen wollen das heißt Gott verleugnen. Es ist keine Liebe, es ist kein Wohlwollen, sondern nur Zedoko, d. h. Gerechtigkeit lasse ich ihm widerfahren; ich übe keine Wohltaten, sondern ich erfülle eine Mizwo, d. ff. eine Pflicht, ein Gebot; und der andere hat einen Anspruch darauf! Es hält uns das am Judentum, daß Gott suchen von Ämos bis heute geheißen hat, das Gute suchen, es hält uns das am Judentum, daß unser Gott nichts anderes von uns verlangt als Entfaltung alles Menschlichen und Edlen, wie der Prophet Micha gesagt hat: „Was fordert denn der Ewige, Dein Gott, von Dir? Nichts anderes als Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln vor Gott." Auch das Judentum weiß, daß Religion haben „Opfer bringen" heißt, aber das schwerste Opfer bleibt dem Juden erspart, das Opfer .seiner Vernunft. Nicht das Glauben übernatürlicher Heilswahrheiten und Wunder entscheidet, sondern allein das sittliche Tun des freien. Menschen. Glauben und Handeln, Religion und Ethik, im Judentum sind sie eins geworden. And auch das hält uns am Judentum, daß die Welt bejaht wird. Jenes - „und dennoch!" des Psalmisten hält uns am Judentum. Wir wissen, daß die Welt und wir Menschen unvollkommen sind. Aber das läßt uns nicht an dieser Welt verzweifeln und alle Hoffnungen erst jenseits des Grabes oder auf das große Nichts setzen; es zeigt uns nur, daß jeder Tag neue Aufgaben stellt, es macht uns erst weltfroh und schaffensfreudig und das Leben lebenswert.. Aber unser lebendiges jüdisches Dasein ist damit allein nicht erfüllt. Soll Juden-- tum Leben sein und bleiben, so gehört dazu die Teilnahme an allen Lebensäußerungen des Judentums und der Judenheit, das Miterleben und die Mitarbeit, die erst in Wahrheit den Einzelnen mit der Gesamtheit verbinden. Sei es das Schicksal der Juden in der Welt, sei es die Tätigkeit unserer großen Verbände, seien es die Vorgänge in der Gemeinde, sei es — und dies vor allem — das religiöse Leben in das Synagoge, Unsere Jugend verlangt nach positiver Betätigung ihres jüdischen Daseins. Die Jugend' ist sich heute ihres jüdischen Seins viel behält uns am Judentum? wußter geworden als die vorigen Generationen es waren. Jugend will schaffen, Jugend isb. positiv, Jugend will etwas Sichtbares haben^ und weil es unter den Aelteren so viele gad und gibt, die von einem jüdischen Leben, die. von positiver jüdischer Arbeit nichts wissenwollten, Haben sich, so viele junge Menschen ' dem Zionismus 'zugewandt, der ihnen dies Positive und dies Ideale, nach dem alle Jun gend verlangt, zu bieten schien. Da stehen, dann die Eltern am Wege und schauen ihren Kindern betroffen und verwundert nach. Um unserer Kinder willen, die jüdisch sein, wollen und sein werden, wollen wir auch in unserem Hause wieder jüdisches Leben aufblühen lassen. Was von den Formen und^. Gebräuchen ein jeder beobachten will, das. steht bei ihm; aber es gibt da Feiern und Einrichtungen, ohne die ich mir ein jüdisches Haus nicht denken kann: der Seder-Abend, das Sabbathlicht, der Chanukkaleuchter, die Weihe' unserer Festtage. Soll Religion wieder eine Lebensmacht "werden, der wir uns in unserem Denken und Handeln unterwerfen, wollen wir ein lebendiges Judentum täglich neu schaffen, so müssen wir dem geistigen Inhalt sichtbare Form geben; denn nicht nur an Verstand und Willen wendet sich ein. Glaube, der das Leben durchdringen und ertragbar machen will, sondern auch an unsere Sinne, an unser Ge- , müt, an unsere Phantasie. Nicht unver- - änderlich und unantastbar sind uns diese überlieferten Formen; sie müssen wandelbar sein, um in Harmonie mit dem wandelbaren allgemeinen Zeitempfinden und dem differenzierten individuellen religiösen, sittlichen und ästhetischen Gefühl den uralten und doch stets jungen Gedanken ein entsprechender und ansprechender Ausdruck zu sein. Aber entbehrlich sind sie auch uns nicht. Noch nie habe ich mit meinem 6jährigen, selten mit meinem 11jährigen Kinde darüber gesprochen, daß der Mensch nicht von Brot allein lebt, daß wir das Ewig-Sehnsüchtige in uns nicht verkümmern lassen dürfen, das über allen Alltag hinaus zum Ewigen strebt. Aber wenn ich am Freitag-Abend die Sabbachlichte anzünde, und die Kinder jede Werktagsarbeit, ja ihre Werktagsgedanken, ihre kleinen Sorgen und Gespräche, hinter sich lassen müssen, ehe sie an den Sabbath-Tisch kommen, wenn sie in unserer persönlichen — durch kein Gesetz im einzelnen vorgeschriebenen Weise