Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 10-12 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 79 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3126481-3126607-3126611--2705-3129569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Thea Arndt-Berlin: Was hält uns am Judentum? 79 Gewiß ist der Kampf gegen Antisemitismus, die- Auseinandersetzung mit Zionismus und Orthodoxie nötig; aber diese Betätigung ist uns nicht Sinn und Selbstzweck. Sie ist notwendig, wo es die Verteidigung dessen gilt, was uns das Höchste bedeutet. „ Sinn und Ziel des liberalen Judentums aber liegt ganz anderswo. Lehnen wir das Nationaljudentum ab und können wir, weil Wahrhaftigkeit uns heilig ist, das Gesetz in seiner Ganzheit nicht als göttlich und bindend anerkennen, so bleibt uns wahrhaft liberalen Juden das beste, unvergänglichste Teil: Die lebendige Sittlichkeit S- und Geistesreligion. Religion ist Leben! Oder sagen wir lieber: Daran wollen wir alle arbeiten, daß Religion wieder Leben werde! Dabei dürfen wir eins nicht vergessen: Dadurch, daß wir die Verpflichtung zur Erfüllung des Ritualgesetzes nicht mehr anerkennen, haben wir uns, sofern es uns mit unserem Judentum ernst ist, das Leben nicht etwa leichter gemacht. Dies wäre nur für den indifferenten, nicht fürden liberalen Juden zutreffend. Bei allen Vorkommnissen des täglichen Lebens wird der Sinn des orthodoxen Juden durch die Uebung irgend eines. Gebrauches auf seine ewige Bestimmung, auf Gott, auf sittliche Gedanken gelenkt. Die hohe und heilige Aufgabe des Liberalismus, das, was ich seine ausbauende Arbeit nenne, ist es, diese Verbindung des Menschen mit seinem Gott, diese ständige Durchdringung des Lebens mit sittlich-religiösen Gedanken zu erreichen, wieder zu erreichen, ohne sich in demselben ausgedehnten Maße äußerer Hilfsmittel zu bedienen,' wie die Orthodoxie. Religion ist Leben. — Judentum ist Leben! Wie in unseren Bücherschränken Helden und Dulder schlafen, Schicksal und Leidenschaft eingesargt, Erkenntnis und Weisheit nicht vorhanden sind, solange keine Hand die Deckel lüftet, kein Auge über die Seiten gleitet, kein Menschenherz mitschlägt, wie alles aber zum Leben erwacht und Leben spendet und schafft, sobald der Menschengeist und die Menschenseele diese Toten auferstehen heißt — so ist Religion tot, wenn niemand da ist, in dem sie schwingt und Leben und Melodie wird. Wenn wir als Juden nicht bloß das ein, sondern leben wollen, so müssen wir uns auf unser Eigenstes besinnen, uns unserer selbst und unseres Dasein voll bewußt werden, damit wir wissen, warum wir heute noch als die anderen, als die Wenigen, als die ewige Minorität in unserer Umwelt stehen, warum wir heute noch, durch unsere bloße Existenz schon, den Widerspruch gegen das erfolgreich Bestehende aufrechterhalten. Wenn wir Judentum innerlich leben und erleben wollen, so muß uns vor allem der. Glaube des Judentums ein lebendiger Bestandteil unserer Seele werden. Das ist zuerst. der Glaube an den Einen Gott, der die Eine Menschheit bedingt und das Eine Recht. Deshalb hat sich ja die antike Welt so sehr gegen den Monotheismus gesträubt, weil der Eine Gott die Eine Menschheit bedeutet und die Eine Menschheit das Eine Recht. Das israelitische Denken forderte und fordert die Einheit der Welt als eine Forderung seines Gewissens, es fordert Ein Recht für alle — keine doppelte Moral, eine für Herren, eine für Knechte, eine für Sieger, eine für Besiegte, eine für den Volksgenossen, eine für den Fremdling. Heute noch ist uns Gerechtigkeit das erste und letzte Wort; darum appelliert das Judentum ständig an die Gewissen, darum kann und will es kein Unrecht dulden, darum kennt es die gleichgültige Toleranz nicht» die allem Unkraut auch seinen Platz läßt, darum spricht es von dem heiligen Zorn Gottes. Und da ist als Ergänzung, man möchte fast sagen als Voraussetzung für den Glauben an Gott» der Glaube an den Menschen. Immer und immer wieder betont das jüdische Schrifttum, daß jeder Mensch ein Einzigartiges, eine Welt für sich sei. Das kommt uns heute selbstverständlich vor und ist doch eine geniale Schöpfung israelitischen Denkens, daß der Mensch aus dem Natürlichen herausgehoben, mit einer reinen Seele, der Fähigkeit zum Guten, ausgestattet, eine Forderung zu erfüllen hat. In jedem Menschen liegt das Gute, das Große, an jeden ergeht das „Du sollst!" Die Grundlage der jüdischen Ethik ist der Satz unseres Morgengebetes: Mein Gott, die Seele, die du mir gegeben hast, ist rein. Und zu dem Glauben an uns gehört der Glaube an den Mitmenschen. Wie ich eine Welt für mich bin, so der andere auch. „Du solst die Seele des andern kennen!"