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Liberales Judentum · 1921-10-01 · Heft 10-12 (Oktober 1921) · p. Seite 78

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 10-12 (Oktober 1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 78 (sequence 14)
Language
German
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78 \ v .Thea Arndt-Berlin: Was hält uns am Judentum? seren materiellen und.geistigen Kräften allezeit eintreten: dieses Land ist unser Vaterland, und keiner soll es uns streitig machen! Nur böser Wille und Unverstand können das Dersuchen. Und meine Zugehörigkeit zum Judentum lasse ich mir ebensowenig streitig machen; nur Unwissenheit und Selbstüberhebung können das tun. Der Gott unserer Väter ist auch mein Gott, Moses und die Propheten sind auch meine Führer zu allem Wahren und Guten; auch ich stehe auf dem Standpunkte des großen Hillel, der die Nächstenliebe für das Wesentlichste des Judentums erklärte; auch ich sehe' mit den ältesten Gesetzeslehrern die .Tradition als die Vermittlerin zwischen der Thora und dem wechselnden Leben, also als etwas nicht für alle Ewigkeit in allen' Teilen Unveränderliches und Feststehendes an. Mit Iosua ben Chananja und Maimonides halte ich dafür, daß nichts bestehen darf, oder gar verbindlich ist, wobei die Mehrheit der Glaübensbrüder nicht bestehen kann. Nur so kann das Judentum hoffen, Weltreligion zu werden; nicht mit erstarrten, für -alte Verhältnisse aufgestellten und darum heute nicht immer unbedingt anwendbaren Bestimmungen. In diesem Sinne glaube ich gerade ein Jude zu sein, wie er sein soll: Vertreter eines lebendigen Judentums, wie es die Propheten und die alten Gesetzeslehrer waren. K. Was hält uns am Judentum? Von Thea Arndt-Berlin. „Vom alten Stamm bin ich ein Reis, Von ältester Kultur ein Sinn, Nur darum weiß ich, was ich weiß, Nur darum bin ich, was ich bin." Wir sind nicht nur wir selbst. „Blut von Gewesenen" sind wir, „das zu Kommenden rollt"; wir sind unsere Eltern und Großeltern und Ureltern, unser Leben begann nicht mit dem Tage unserer Geburt erst; es begann vor Jahrhunderten und Jahrtausenden. . Wir alle sind als Juden geboren. Nicht aus freier Wahl sind wir Juden geworden, sondern wir waren es, längst ehe unser Bewußtsein sich regte. So ist unser Judesein eine Tatsache. Aber mit unserer aus tiefster Seele um die Erfüllung ihres jüdischen Daseins ringenden Jugend frage ich: >,Kann uns die Feststellung dieser Tatsache genügen?" Es gibt in unseren Tagen viele Juden, Männer und Frauen, die sich an dieser Feststellung genügen lassen. Durch ein unleugbar vorhandenes Zusammengehörigkeitsgefühl und durch Rücksicht auf ihre Eltern empfinden sie sich dunkel mit der jüdischen Gesamtheit verbunden, sie beteiligen sich an jüdischen Wohltätigkeitswerken, ihr Stolz und ihre Empfindlichkeit wird verletzt, wenn man Juden und Judentum schmäht, (was jedoch nicht hindert, daß sie selbst, wenn sie unter sich zu sein glauben, dies gelegentlich tun). Von jüdischen Vereinigungen und Bestrebungen interessiert sie am meisten der Central-Verein, weil er den Antisemitismus zu bekämpfen sucht — und wenn man es kurz sagen will, so sind sie anti-orthodox, anti-zionistisch und anti-antisemitisch. Sie leben, soweit ihr jüdisches Dasein in Frage kommt, anti! Aber der einzelne wie die Gesamtheit kann ein reines Abwehrleben auf die Dauer nicht ertragen. Es kann unmöglich die Frage nach dem Grunde unseres jüdischen Seins in einer derart negativen Weise beantwortet werden. Diese Geister, die nur verneinen, sind für das ganze Judentum eine Gefahr; besonders aber ist diese Art verhängnisvoll geworden für den Liberalismus. Denn bloß deshalb, weil sie weder orthodox noch zionistisch' sind, glauben diese Juden die Berechtigung zu haben, sich liberal zu nennen. Sie sind es, die den Liberalismus diskreditieren, die schuld daran sind, daß immer noch Liberalismus und Jndifferentismus verwechselt, ja identifiziert werden. Liberalismus ist aber etwas durch und durch Positives; und diese Anschauung in die weitesten Kreise zu tragen und vor allem sie weiten Kreisen durch Taten zu beweisen, das ist die erste Aufgabe, die in der neuen Aera seiner Tätigkeit die Vereinigung für das liberale Judentum und jedes einzelne seiner Mitglieder zu erfüllen haben wird.

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