Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1921-10-01 · Heft 10-12 (Oktober 1921) · p. Seite 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 10-12 (Oktober 1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 76 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126607-3126611--2702-3129566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

76 Dr. Emil Spiegel-Prag t Psalmen haben, dauernd bedürfen, daß diese Gebete wenigstens in der Ursprache ein ästhetischer Besitz unseres Geistes bleiben müssen. Und in einer späteren Schrift „Religion und Zionismus. Ein Wort an meine Kommilitonen jüdischen Glaubens" sagt Cohen: „Die Wissenschaft in ihrem alten Umfange ist uns abhanden, gekommen. Die religiöse Bildung aber, die nach den einfachsten Elementen der Psychologie auf den Grund texten unseres Glaubens beruht, diese elementare Sprach bildung lebendiger Religiosität darf uns nicht verloren gehen. So viel Hebräisch muß demgemäß der gebildete Jude sich anzueignen bestreben, daß er die wichtigsten Gebete mit der ganzen poe- Mchen Kraft der Ursprache zum tiefsten Schatze seines Gemütes macht." Diese Forderung Cohens, die manchem vielleicht reaktionär erscheinen wird, in ihrem fraglosen Rechte zu erweisen, insbesondere darzutun, wie die Grundelemente unserer Lehre durch Uebertragung in die religiöse Terminologie unserer heutigen Kultursprachen eine Sinnesverschiebung erleiden müssen, wie schon für die Reinheit unserer Gottesidee die Erhaltung der gemeinsamen Religionssprache unerläßlich ist, dies darzutun, würde eine ausführlichere Betrachtung jener Gebete und ihrer, sie über alles, was wir sonst unter Gebeten verstehen, weit hinaushebenden -Eigenart notwendig machen. In diesem Zusammenhang sei indessen auf einen anderen wichtigen Punkt hingewiesen. Wiederum hören wir hier den Ruf nach Wiederbelebung j u d i - schen Wissens. Es ist immer dieselbe Forderung, die tief im Wesen unserer Religion als einer Lehre gegründet ist, die Forderung nach Wissen und Verständnis, wie sie schon in dem alten Satze zum Ausdruck kommt: „Ein Unwissender kann nicht fromm sein." Nicht, als ob etwa die jüdische Religion eine Sache des Verstandes wäre, sondern weil es die Eigenart des jüdischen Geistes ist, sich nur' für eine solche Sache zu erwärmen, die ihre Berechtigung durch ein Zeugnis der Vernunft dargetan hat. Wie könnte das eine reine Verstandessache sein, wofür so viele mit ihrem Leben und ihrem Blute sich geopfert haben? Aber sie brachten den Widerstand und die Begeisterung nur auf, weil sie dasjenige rnit der ganzen Glut ihres G e- Vom liberalen Judentum . '■ - M' . - - fühles umfaßten, was sie vorher mit derganzen Kraft ihr§s Geistes in seinem unzweifelhaften Rechte und unvergleichlichem Werte erkannt hatten. Wir sind so glücklich, wenigstens hier inr Westen, unter Verhältnissen zu leben, die: nicht von uns verlangen^ daß wir mit unserem Blute für unser Judentum Zeugnis: ablegen. Aber wir kommen, insbesondere die: Gebildeten unter uns, täglich in die Läge, für unser Judentum zu zeugen und über unser Judentum Rechenschaft abzulegen. Das aber- : setzt voraus, daß wir zuvor uns selbst Rechen-- schaft abgelegt Haben. Dieses wiederum vermögen wir nur dann, wenn wir uns mid dem in der Schule empfangenen Religionsunterricht nicht begnügen lassen. Selbst wenrr wir diesen Unterricht in Zukunft aus die denkbar idealste Höhe zu heben vermöchten, könnten wir uns doch der Pflicht nicht ent-, schlagen, in späteren Jahren weiter arbeitend- ' die Grundlehren unserer Religion in der Ursprache stets vor Augen zu haben und v.om ihnen sowie von . ihrer Auffassung und Beleuchtung durch die heutige Religions-Wissenschaft mit gereiftem Verständnis Kenntnis zu nehmen. Das also ist der Weg, auf den uns-liberale Juden unsere Grundsätze immer!' wieder Hinweisen: bei aller Hingabe an.die allge-' meine Kultur, einer Hingabe, die wie wiederumCohen in seinem Säkularaufsatz für Ludwig Philippson sagt „ohne jeglichen Neben- oder 'Hintergedanken" stattfinden muß, bei allen Hingabe an die allgemeine Kultur' müssen wir doch stets zugleich auf die Wahrung und Pflege desjenigen bedacht sein, waA unser eigenstes ist, unseres religiösen Werkes! „Wir dürfen" sagt Cohen in jenem Aufsätze „unser Dasein und Wirken nicht beschlossen glauben in der höchsten und mächtigsten Arbeit für die allgemeine Kultur,, wenn sie nicht zugleich ausstrahlt aus dem Herzpunkt unseres geschichtlichen und demgemäß in höherem Sinne, unseres Person-: lichen Wesens. Jedermann nach Maßgabe: seiner Kraft, nach der Richtung seines Arbeitsgebietes muß es als seine innerste Lebens- - aufgabe erkennen, auch für den Fortbestand unserer Religion einen Kulturanteil sich zu gewinnen. Wer dieser jüdisch-monotheistischen. Religion inne geworden, und wer ihrer teilhaft bleiben will, der muß, als Kulturmensch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.