Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 10-12 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Dr. Emil Spiegel-Prag: Vom liberalen Judentum —----—-—— jener Schrift aber hatte er, sicherlich wieder -aus seiner ganzen Ehrlichkeit heraus, an, die deutschen Juden ein Wort in Betreff ihres Aebertrittes zum Christentum gerichtet. „Aber -es ist eine notorische Tatsache", .sagt er da, „daß eine große Anzahl' von Juden nicht durch Gewissensbedenken vom Uebertritt abgehalten wird, sondern lediglich durch ganz nndere Gefühle, die ich begreifen, aber nicht billigen kann." Demgegenüber schrieb Hermann Cohen damals: „Wenn es, wie Mommsen sagt, notorisch ist, daß viele Juden gegen den Uebertritt religiöse Bedenken nicht haben, so ist solchen Juden zu sägen: Schaffet sie euch an!" Wie das gemeint ist, dafür kann uns eine Stelle aus -einer anderen Schrift Cohens zur Erklärung Dienen. „Jude 's ein "sagt er daselbst („Ethik nnd Religionsphilosophie. in ihrem Zusammenhänge.") „heißt, als den Grund DesDaseins.als den Halt der Welt Den einig einzigen Gott bekennen. Das ist der Kern der Sache,- das ist auch Das^ einzige Herz der Sache. Man täusche sich nicht, als ob die jüdische Sache noch einen -anderen Herzpunkt hätte, oder haben könnte und Mrfte. Hier' ist jede Vergleichung der Prinzipien und jede Abschätzung der Motive von Uebel. Israels Recht auf geschichtliches Dasein steht und fällt mit seinem einzigen Gotte. Wessen Kopf nicht durchleuchtet -ist von diesem Grundgedanken, der kann mancherlei von jüdischer Art geistig ünd sittlich besitzen; es fehlt seinem Wesen aher der Schwerpunkt." Darum müssen wir wieder . von unserem Gotte sprechen. Darum müssen mir vor allem die reinen Züge-unserer Gottesidee und der auf ihr ruhenden Lehre indem Bewußtsein der Zeit wieder Herstellen; darum muß „die Urkraft unserer Gottesidee und ihr unlösbarer Zusammenhang mit der Sittenlehre" (Cohen, ebenda) - wieder unter uns lebendig werden, wenn uns eine Erneuerung des Judentums gelingen soll. Weil -es aber um dieses geht, weil es nicht Mt, wenigstens zunächst nicht gilt, die der -breiten Masse leicht zugänglichen äußeren formen, sondern die von diesen umschlossenen höchsten Ideen unserer Lehre wieder unter uns lebendig zu machen, darum müssen wir uns bei unserer Erneuerungsarbeit vor allem, um Die Wendung Schleiermachers zu gebrauchen, „an die Gebildeten unter ihren Verächtern" wenden. Die Gebildeten unter uns waren es ja, die als die ersten unsere Gotteshäuser abgetragen haben. Werden die Ge- , bildeten unter uns die unvergänglichen religiösen Grundgedanken des Iudentumes in ihrem einzigartigen Werte Mieder erkennen» dann werden sie und diejenigen, die ihrem Beispiele zu folgen gewöhnt sind, auch einen Teil der Formen, die jene Grundgedanken durch die Jahrtausende zu tragenbestimmt waren, in freier Selbstbestimmung wieder aufnehmen, dann werden sie, mit Lefsing Zureden, dasjenige wieder holen, was sie mit gewissen Vorurteilen zu viel weggeworfen haben. Und hier ist eine bestimmte. Forderung in zwölfter Stunde zu erheben, wobei nichts geringeres auf dem Spiele steht als die historische Kontinuität auf der der Bestand einer jeden Religion beruht. In einem Vortrage, den Hermann Cohen ungefähr ein hal» bes Jahr vor dem Weltkriege in Berlin hielt, hat er mit seinem ganzen Freimute, aber auch mit seinem ganzen Ernst auf diesen Punkt als „auf eine Schwierigkeit in unseren liberalen Bewegungen" hingewiesen. Er geht dabei von der Tatsache aus, daß von unserem sogenannten Zeremonialgesetze, soweit es das jüdische Haus und das jüdische Privatleben betreffe, immer mehr und mehr abbröckle. Er selbst läßt zwar die Hoffnung durchblicken, daß man die Bedeutung gerade dieses Teiles der Zeremonien für den Beständ der Religion rechtzeitig erkennen und demgemäß jenem Abbröcklungsprozesse Einhalt tun, werde. Sollte man aber tatsächlich annehmen müssen, daß jener Abbruch unaufhaltsam weiterschreite, so werde, meint Cohen, die Frage umso dringlicher Mn müssen, welchen anderen Schutz wir hätten, „um bei der allgemeinen, politischen, geistigen, ästhetischen Assimilation unser bleibendes Erbe, unseren einzigen Gott zu retten und für die fernere Verbreitung und Vertiefung sicherzustellen." Er findet auf diese seine Frage die einzige Antwort, daß wir für die Einprä-' gung unserer religiösen Grundgedanken des hebräischen Grundstoffes unserer Gebete, jener Hauptgebete, die von den Männern der großen Synagoge versaßt sind und die den Styl unserer religiösen Klassizität, den Styl der Propheten und den