Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1921-10-01 · Heft 10-12 (Oktober 1921) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 10-12 (Oktober 1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126607-3126611--2700-3129564
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

74 Dr. Emil Spiegel-Prag: Vom liberalen Judentum weiters als eine Richtlinie auch für das liberale Judentum der Gegenwart gelten. Nicht darum handelt es sich diesem, den nicht orthodoxen Juden das oder jenes aus dem Wege zu schaffen, — eine solche Arbeit besorgen diese schon selbst allzugründlich, sondern darum handelt es sich, was man ihnen wieder holen s o l l und mit gutem Gewissen wieder holen kann. Wer die „Richtlinien" in einem anderen Sinne gelesen hat, hat sie falsch gelesen. Nicht als ein Damm nach rechts, sondern als ein solcher nach links sind sie gedacht. Daß dabei allerdings die einzelnen Steine sorgfältig auf ihre Tragkraft geprüft werden mußten, versteht sich von selbst, und daß so mancher die Probe nicht bestand, ebenfalls. Der primäre Wille aber, und das ist das Entscheidende, war auf Bauen gerichtet. Wer das nicht empfindet und erkennt, der hat von bim (Stift der „Richtlinien" keinen Hauch verspürt. Als die Leipziger Synode des Jahres 1869 ihre Beratungen beendet hatte, da sagte M o - riz Lazarus, als Präsident derselben, in seiner Schlußrede: „Draußen stehen ja die, welche fragen werden: Was haben sie wieder abgeschafft, was wollen sie dafür her-. stellen? Meine Herren, abschaffen wollen wir freilich, abschaffen wollen wir den Jndifferentismus; absch affenabschaffen wollen wir die Ignoranz." Und der Führer der heutigen liberalen Bewegung in Deutschland, Rabbiner Dr. Caesar Selig mann, berichtet: „Als ich meine Antrittspredigt in Frankfurt gehalten habe, da — so wurde mir erzählt — standen hinten zwei Juden der separatistischen Orthodoxie und als meine Predigt zu Ende war, sollen sie zu einander gesagt haben: Haben wir Wunder gemeint, was er predigen wird, was wir alles aufheben sollen; kommt heraus, hat er vom lieben Gott gepredigt." - Das nun ist wirklich unsere wichtigste Aufgabe! Abschaffen, wollen wir liberale Juden mit Lazarus den Indisferentismus und seine Wurzel, die Ignoranz! Zu diesem Zwecke aber müssen wir mitSeligm a n n vor allem wieder religiöse Juden, Gottsucher werden und von unserem Gotte sprechen. Einführen, wieder einführen wollen wir das Wissen um die Tiefe, die Einzigkeit, um die Reinheit unserer Lehre! Denn nicht, weil dieses oder jenes im öffentlichen Gottesdienste oder im religiösen Leben des Einzelnen seines lebendigen Wertes verlustig gegangen ist, sind unsere Gottes? Häuser verödet, ist das jüdische Haus zerfallen; wenn dem so wäre, dann brauchte man ja nur das Entwertete auszuscheiden und durch Wertvolles zu ersetzen, um das Gotteshaus wieder zu füllen, das jüdische Haus wieder erstehen zu lassen. Die Sache ist vielmehr die, daß unter jenem. Wüste des Wertlosen und Abgestorbenen, uns der Blick für das Wesenhaste unserer Religion, für seine. Gottesidee und die auf ihr ruhende Lehre verloren gegangen ist. Und auch dies hätte nicht so leicht geschehen können, wenn nicht die Gottesidee überhaupt, und zwar sowohl auf religiöser wie aus philosophischer Grundlage, im allgemeinen Kulturbewußtsein der Zeit von der materialistischen Weltanschauung verdrängt worden wäre. An den Erfolgen der Naturwissenschaft sich berauschend gab dieses allgemeine Kulturbewußtsein Religion und Philosophie in gleicher Weise als lebendigen Gegenwartsbesitz preis und verwies sie in die Rumpelkammer der Geschichte oder unter die Merkwürdigkeiten der Völkerkunde. Als aber jene totale Gottesfinsternis einer besseren Erkenntnis wich, kam diese, durch das allgemeine Gefühl geistiger und seelischer Verarmung begünstigt, zwar der Religion an sich und damit notwendig auch der herrschenden, nicht aber oder wenigstens nicht in dem gleichen Maße der jüdischen zustatten. Unter dem Einfluß christlicher Theologen und anttsemitischer Modeautoren wurden vielmehr die jüdischen Religionsvorstellungen auch weiterhin als minderwertig und demgemäß als überwunden behandelt. Dem . Zeitgeiste, der sich wieder einmal um das übrige betrogen sah, sollte wenigstens die jüdische Religion als letztes und gern hingegebenes Opfer dargebracht werden. Mit größter Schärfe hat Hermann Cohen im Jahre 1880 im Streite mit Treitschke diesen Kernpunkt der Sache blosgelegt. Kein Geringerer als Theodor Mommsen hat damals mit seiner Schrift „Auch ein Wort über unser Judentum" die Sache der deutschen Juden mit seiner ganzen Ehrlichkeit gegen den Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher" geführt. Zum Schluß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.