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Liberales Judentum · 1921-10-01 · Heft 10-12 (Oktober 1921) · p. Seite 73

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 10-12 (Oktober 1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 73 (sequence 9)
Language
German
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Dr. Emil Spiegel-Prag: legungen versucht, die für ein. von einem Menschen geschriebenes Buch vielleicht ausreichend gewesen wären, die aber ein göttliches zu retten» doch zu dürftig waren. Ln der entscheidenden Frage aber blieb es immer . bei dem einen: es handle sich um ein von Gott unmittelbar inspiriertes Buch; wenn menschliche Vernunft dies nicht begreifen könne, so beweise das > nur, daß die Vernunft zur Führerin nicht geeignet sei. Wenn der Mensch in einzelnen'Teilen jenes Buches Absonderlichkeiten und "primitive Moralanschauungen zu entdecken glaube, die einer göttlichen Herkunft geradezu widersprächen, wenn er sich dem Wunderglauben, mit dem einzelne Teile dieses Buches stehen und fallen, nicht mit reinem Vertrauen hingeben könne, so habe er sich nur über sich selbst zu beklagen, weil er jene untaugliche Führerin sich gewählt habe. Wenn er aber gar eine Vorschrift, die auf - jenem Buche oder auf der ebenfalls, von Gott inspirierten 'mündlichen Lehre beruhte, übertrete, so versündige er sich gegen den ihm deutlich. gtznug bekundeten Willen Gottes. Denn: ' Wissen und Bildung unterlägen der Veränderung, das geoffenbarte Wort des einen Gottes aber sei unveränderlich! Was aber war die Folge dieser Art von Zuspruch? An die Lehre von der übernatürlichen Offenbarung, an die Wunder, an die unbedingte juristische Verbindlichkeit einer jeden in der Thora enthaltenen Vorschrift glaubten jene in so schwere Gewissensnot geratenen Jünglinge und junge Mädchen auch weiterhin nicht; was sie aber ihren Lehrern nur allzuleicht glaubten, das war das eine, daß sie nun Angläubige, daß sie Abtrün- . n i g e geworden seien. Ja selbst ein gewisses Gefühl von Sünde blieb zumindest, im Unterbewußtsein und für den Anfang bestehen, so oft sie eine jener Vorschriften unbeachtet ließen. Allmählich freilich stumpfte sich, da der drängenden Gewalt des Lebens keine überzeugungskräflige Beratung entgegenwirkte, auch jenes Restgefühl immer mehr ab. Wenn sie gleichwohl noch immer eine Anzahl von Gebräuchen, oft ganz willkürlich ausgewählt, beobachteten, so geschah dies aus der ihnen vom Elternhaus - her gebliebenen Empfindung heraus, daß hier gewisse Werte vorhanden sein müßten, die völlig zu zerstören doch nicht geraten sei. Vom liberalen Judentum 73 _ Maimonides hat seinerzeit einen More Nebuchim einen „Führer der Verirrten" ge» schrieben. Hier aber waren dleducbün, ohne jeglichen More und so ward es ihnen, je länger dieser Zustand dauerte, umso weniger möglich, Gebräuche, deren Uebung nur noch auf Hemmungen beruhte, mit religiösem Gehalte zu erfüllen. Viele aber, und es waren nicht die schlechtesten unter ihnen, rafften sich, unter dem Gefühle ihrer Unehrlichkeit leidend, auf, bis sie auch jener Hemmungen und damit auch der letzten Restgefühle Herr wurden. Die völlige Entfremdung von der überlieferten Religion ward so der Abschluß dieser traurigen Entwicklung. Die Frage des Austrittes aus der religiösen Gemeinschaft war fürderhin nicht mehr unter religiöse Motivation gestellt. Gerade hier aber will das liberale Judentum einsetzen. Es will diesem Teile der Iudenheit, ehe noch die vollständige religiöse Erkaltung eingetreten ist, klar machen, daß sie zwar keineswegs gute Juden sind, daß sie aber wiederum gute Juden werden können, ohne zum. theoretischen Dogmenzwang der Orthodoxie und damit zu einer Auffassung der Religion zurückkehren zu müssen» die ihre Grundlage in einem unter der unmittelbaren Sanktion des göttlichen Gesetzgebers stehenden Rechtskodex erblickt. — — Lessing schreibt an Mendelssohn im Jahre 1771: „Doch ich besorge es nicht erst seit gestern, daß, indem ich gewisse Vorurteile weggeworfen, ich ein wenig zuviel mit weggeworfen habe, was ich werde wieder holen müssen. Daß ich es zum Teil nicht schon getan, daran' hat mich nur die Furcht verhindert, nach und nach den ganzen Unrat wie» .der in das Haus zu schleppen." Das liberale Judentum will die indifferenten Juden dazu bewegen, vieles von dem wieder zu holen, was sie mit gewissen Vorurteilen gar zu eilfertig mit weggeworfen haben. Dazu , aber m-rß es sie vorerst von der Furcht befreien, von den Lessing in jenem Briefe spricht, von der Furcht' „nach und nach den ganzen Unrat wieder in das Haus zu schleppen." Selbstverständlich. werden wir den Ausdruck „Unrat" nicht zu dem unsrigen machen. Das böse Wort findet in dem radikalen Geiste der Aufklärungsepöche und in der. Bitterkeit des Kampfes, in dem Lessing stand, seine Erklärung. Davon aber abgesehen kann sein Ausspruch ohne»

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