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Liberales Judentum · 1921-10-01 · Heft 10-12 (Oktober 1921) · p. Seite 72

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 10-12 (Oktober 1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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72 Dr. Emil Spiegel-Prag: gehenlassen führt, die größte Gefahr für das Judentum der Gegenwart erblicken läßt. In der immer größer werdenden Gruppe der religiös Gleichgiltigen, in dem sogenannten in- Differenten Judentum sehen wir darum auch unseren eigentlichen Gegner. Zugleich aber sind sie es gerade, um deren Seelen wir mit allen Mitteln religiöser Belehrung und Ueberredung kämpfen. Sie wollen wir zu uns herüberziehen. Ihnen wollen wir in ihrer religiösen Not, deren Wurzeln und deren Tragweite sie selbst nicht mehr erkennen, mit allen Mitteln, die Menschen gegen Menschen gebrauchen, um für ihre Ueberzeugung zu werben, helfend zur Seite stehen. Es geschieht nun erst seit kurzem, daß wir diese Kalten Und Gleichgiltigen unter uns Mit dem besonderen Namen „indifferente Juden" bezeichnen und so allen anderen Richtungen innerhalb der Iudenheit klar gegenüberstellen. Lange, allzu lange Zeit hindurch, wurden sie in der Gruppe der liberalen Juden, als deren äußerster linker Flügel gewissermaßen, mitgeführt. Sehr zum Schaden dieser letzteren! Nur eine unstatthafte Verquickung religiöser und politischer Ueberzeugungen hat jene Verbindung möglich gemacht und her- . Leigeführt. Sie wieder aufzuheben und für alle Zeit unmöglich zu machen, müssen wir liberale Juden umsomehr bedacht sein, als unsere Gegner, und zwar sowohl auf orthodoxer als auch auf nationalistischer Seite, nur allzubereit sind, sich jenen falschen Sprachgebrauch zunutzezumachen und ihn dauernd zu befestigen. Tatsächlich aber stehen jene Juden, worauf schon das Wort „indifferent" hinweist, innerlich der Orthodoxie näher als dem religiösen Liberalismus. Indifferent ist seiner Wortbedeutung nach ein Mensch, der nicht unterscheidet. Das aber gerade ist seit jeher das Merkmal jeglicher Orthodoxie, daß sie nicht unterscheidet, daß sie zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem, zwischen Lebendigem und Abgestorbenem, zwischen Vernünftigem und Widervernünftigem auf dem Boden der Religion keinen Unterschied kennt und keinen anerkennen will. Der Mangel jeglicher Unterscheidung in Sachen der Religion ist nun ebenso das Kennzeichen des indifferenten Juden. Aber während der Orthodoxe, weil er zwischen Religiös- Wertvollem und Religiös-Wertlosem^ keinen Vom liberalen Judentum Unterschied zuläßt, alles in gleicher Weise konserviert, weist der Indifferente, indem er von einer solchen Unterscheidung ebenfalls nichts wissen will, alles in gleicher Weise " zurück. Daher kommt es auch, daß er den liberalen Juden allezeit mit den Argumenten der Orthodoxie, mit dem bequemen, zumindest für ihn höchst bequemen „Alles oder Nichts" bekämpft, nur daß er sich nicht wie die Orthodoxie für das „Alles" sondern für das „Nichts" entscheidet. Für die Forderungen der religiösen Gegenwart ohne Verständnis, vermag er nur noch der Orthodoxie eine wenn auch nur relative. Berechtigung zuzuerkennen. Schöpft er doch seine eigene Berechtigung aus der direkten Gegenstellung gegen sie! Ist für^ die Orthodoxie alles gleichgiltig, so ist für ihn alles gleich ungiltig. Seine Gleichgiltigkeit ist nur eine, Folge dieser negativ gewendeten gleichen Giltigkeit. Völlig in der Richtung der Orthodoxie denkend, kann er sich gar nicht vorstellen, daß die Lossagung von irgend einer Speisevorschrift nicht zugleich schon die Lossagung vom religiösen Judentum überhaupt bedeuten sollte. Darum kann er sich auch eine Rückkehr zum religiösen Leben nicht vorstellen ohne gleichzeitige Rückkehr zur Orthodoxie. Dies aber ist für ihn natürlich unmöglich. Wie sind diese Juden so weit gekommen?. Vielfach stammen sie von orthodoxen Eltern ab und haben bis in ihre Iugendjahre hinein deren religiöses Weltbild geteilt. Fast ausnahmslos sind sie von orthodoxen Lehrern unterrichtet worden. Aber gerade in und mit der Schule erwachte in ihnen der Zweifel an so manchem, was in der Bibel stand und was sie bis dahin mit gläubigem, nicht weiter prüfendem Gemüte hingenommen hatten. Und es waren nicht immer nur Zweifel, die durch das seither erworbene profane Wissen erzeugt worden waren, es waren, was weit schwerer ins Gewicht fiel, auch Zweifel sittlicher, ja religiöser Natur, die ihre Seele beunruhigten. Was sollten sie mit einem'Gotte anfangen, der grausame Vernichtung der Feinde gebot, der den Menschen, welcher Böses tat, selbst dazu nötigte, indem er vorher sein Gemüt verstockte; was mit einem Götte, der handelte und den seine Handlung, hernach gereute? Und was hatte man diesen und anderen Zweifeln entgegenzusetzen? In einzelnen Fällen wurden schüchterne Aus-

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