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Liberales Judentum · 1921-10-01 · Heft 10-12 (Oktober 1921) · p. Seite 70

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 10-12 (Oktober 1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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70 Dr. Emil Spiegel-Prag: Vom liberalen Judentum fernes Priesteramtes, ein Bote des Ewigen der Heerscharen, dessen Lippen die Erkenntnis bewahrten und von dessen Munde die Nahen und die Fernen religiöse Belehrung suchten. Wir aber legen im Geiste den unverwelklichen Kranz des Dankes für seine Treue und- Gewissenhaftigkeit, für seine Wahrhaftigkeit, und Gerechtigkeit an seiner Bahre nieder undgeloben es uns, sein Andenken als einen Quell bleibenden Segens lebendig zu erhalten. Vom liberalen Zuäentum. Von Dr. Emil Spiegel-Prag. „Als geschichtliche Religion" — so lautet die bedeutungsvollste These der -Richtlinien' — „hat das Judentum seinen ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten Ausdruck ge--, geben auch in geschichtlich bedingten Glaubens- Vorstellungen und Erscheinungsformen. Jedes Geschlecht hat' den Glauben der Väter in den ihm eigentümlichen religiösen Vorstellungen und Ausdrucksformen sich zu eigen gemacht. Das liberale Judentum steht deshalb auf dem Standpunkt der Anerkennung einer fortschreitenden Entwicklung, kraft deren jede Zeit im Judentum das Recht und die Pflicht hat, bei Wahrung seines wesentlichen Gehaltes geschichtlich bedingte Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen aufzuheben, fortzubilden oder neu zu schaffen." Das Recht zu einer solchen Unterscheidung zwischen wesentlichem Gehalte und geschichtlich bedingten Ausdrucksformen der Religion wird durch die diesen Sätzen unmittelbar vorangehende These begründet, wonach die historisch-kritische Würdigung der Bibel wie des gesamten nachfolgenden religiösen Schrifttums für eine Aufgabe. der Wissenschaft des Iudentumes erklärt, dieses gesamte Schrifttum somit einschließlich der Bibel d.em Gebiete des Aebernatürlichen entrückt und in den Zusammenhang der Geschichte gestellt wird. Damit war der entscheidende Schritt getan. Und gerade darin, daß dieser Schritt mit vollem Bewußtsein getan, daß hier zum erstenmale der Kernpunkt der religiösen Frage mit klarer Einsicht und kräftiger Offenheit bloßgelegt wurde, gerade darin liegt, mögen sich auch sonst jene „Richtlinien" als eine vergängliche zeitliche Erscheinungsform erweisen, deren bleibende Bedeutung für die Geschichte unserer religiösen Entwicklung. Denn das ist die zentrale Frage, oh die jüdische Religion für alle Zeiten in dem Glauben an die übernatürliche Offenbarung des schriftlichen und des mündlichen Gesetzes als zwar einzigem, aber in seiner Einzigkeit schwer genüg fesselndem Dogma verstrickt und demgemäß in alle Ewigkeit an den Buchstaben und das Worb eines Buches, und sei es auch das unvergleichlichste aller Bücher, gebunden bleiben, oder aber, ob sie durch kraftvolle Befreiung von jenem Dogma und gleichwohl gestützt auf jenes einzigartige Buch die einstmals besessene Freiheit wieder erlangen solle, deren sie bedarf, um als die von dem einig-einzigen Gotte auf die geeinte Menschheit hinzielende Religion dem Tage ihres allgemeinen Sieges entgegenzustreben. Die einstmals besessene Freiheit! Jawohl! Wenn die Propheten die in der Idee Gottes verankerte Sittlichkeit den äußeren Erscheinungsformen der Religion gegenüberstellten,. wenn unsere alten Lehrer das Niederschreiben der mündlichen Lehre untersagten, damit diese nicht unbeweglich werde gegenüber den sich wandelnden Verhältnissen späterer Tage, ein Verbot, das sie freilich zurück nahmen als der Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft solche Zurücknahme verlangte, so war das eine Freiheit, die wir einst besaßen und die das liberale Judentum wieder neu erringen will. Wie, höre ich entrüstet fragen, du wagst - es, die Propheten und Talmudisten in einem Atem mit einer Richtung zu nennen, die darauf ausgeht, den im Alltag versinkenden Juden der Gegenwart in seinem Weltsinne zu bestärken und ihm sein Judentum so bequem als möglich zu machen? Ja, ich wage es! Denn gerade hier ist der Punkt, von dem Verständnis oder Mißverständnis des liberalen Iudentumes abhängt. Nicht urm ein Mehr oder Weniger in der Befolgung von Gesetzen und Gebräuchen ist es diesem zu tun, sondern um den Rechtsgrund und um den Zweck dieser Gesetze und Gebräuche, nicht um eine, bloßer Bequemlichkeit nachgebende Nichtachtung einzelner Teile eines Gesetzbuches, son-

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