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Liberales Judentum · 1921-10-01 · Heft 10-12 (Oktober 1921) · p. Seite 67

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 10-12 (Oktober 1921)
Date
1921-10-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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H Dr- C. Seligmann Frankfurt a. M.: Bernhard Breslauer, zu seinem 70. Geburtstag 67 Natur fern. Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Entschiedenheit, die ohne nach rechts oder links zu schielen, ganz und unbedingt in den.Dienst., der einmal ergriffenen Idee sich stellt und in. stetem Kampf die Menschen großen Stils, die Charaktere schmiedet — so steht der erste Führer und Organisator des liberalen Judentums" vor unserer Seele, ein ganzer Jude und ein ganzer Deutsche. Zu einer Zeit, als die Zurücksetzung der deutschen Juden im kaiserlichen Deutschland zu einem öffentlichen Skandal geworden und eine Staatsprämie auf die Lause gesetzt war, sagte er (in einem Bericht über die Iudendebatten im preußischen -Abgeordnetenhause im Jahre 1901): „Wir können uns beruhigen. Wir haben darunter zu leiden, persönlich, die einzelnen, aber wir müssen uns sagen, das Judentum leidet darunter nicht. Seine Mission wird das Judentum immer-unter den Völkern erfüllen. Die Juden sind nicht' durch Galgen und Rad vernichtet worden, sie werden auch jetzt nicht durch Verwaltungsmaßregeln vernichtet . werden." And bei der konstituierenden Versammlung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland faßte er in seinem Schlußwort sein Programm in das Bekenntnis zusammen: „Es mag kommen,' wie es wolle, wir liberalen Juden sind aus wahrem innersten Herzen Juden, wir sind deutsche Juden'und wollen für die Zukunft unseren Enkeln ein kräftiges, lebensvolles Judentum erhalten." Was ihn zum liberalen Judentum trieb, zum Rufer im Streit, zum' unerschrockenen " Kämpfer, der vor den letzten, selbst im eigenen Lager bestrittenen Konsequenzen nicht zurückschreckte, das war die angeborene Gradheit seiner Natur, die den offenbaren Zwiespalt zwischen Leben und Lehre im Judentum nicht ertragen konnte und ihn, weil er zugunsten der Lehre bei der Mehrzahl der deutschen Juden nicht zu lösen war, zugunsten des Lebens zu lösen versuchte. Dem Leben derjenigen deutschen Inden, die sich, gleich ihm, als gute Juden wußten, ohne die Fülle der lebenhemmenden Gesetze als verpflichtend^ anzuerkennen, wollte er das Recht auf Anerkennung im Gemeindeleben erstreiten. In einer Zeit, da um des „Gemeindefriedens" willen,, um der stets bereiten Drohung der Orthodoxie, sich zu separieren, jeden Vorwand vorwegzunehmen, die orthodoxe Orientierung des Judentums in den Gemeindestuben der einst ganz. liberalen deutschen Gemeinden begann und liberale Forderungen, hinter denen keine organisierten Massen standen, kein Gehör mehr fanden, als; zum Teil infolge dieses Zustandes die Libe- : ralen immer mehr zu Indifferenten sich wandelten, in einer Zeit, da im liberalen Lager des. deutschen Judentums Friedhofsstille, To-; desmüdigkeit und — Fahnenflucht herrschte» da war es Bernhard Breslauer, der tapfer und treu, unermüdet und voll unerschütterlichen Glaubens an'die Zukunft» das liberale Banner hochhielt und mit Wort und Tat, vor allem durch seine rastlose und hingebungsvolle Wirksamkeit an der Spitze des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin für das Recht und die Forderungen des religiösen Liberalismus eintrat, allen Anstürmen zum Trotzt „Wir aber wollen ruhig, ehrlich weiter unseren Weg gehen, tapfer unsere 'Aufgabe durchführen und da draußen lärmen lassen, was da will." Mit diesen tapferen Worten zeichnet Breslauer unbewußt sein Charakterbild. Seine Tapferkeit und Festigkeit» seine Anabhängigkeit und Aeberzeugungstreue, seine Arbeitskraft und Organisationsfähigkeit, seine Gewandheit und ungesuchte Würde, sein auf Aeberzeuguilg und vielseitigem Wissen beruhendes Urteil, verbunden und durchsonnt von gewinnender persönlicher Liebenswürdigkeit, Ritterlichkeit, herzlichem Wohlwollen; mildem Humor — all diese in seiner Persönlichkeit vereinten Eigenschaften prädestinierten ihn zum Führer. - And so war es selbstverständlich, daß er, da die Stunde gekommen war, als der einzige berufen war, an die Spitze der Vereinigung für das liberale Judentum zu treten. Irr jener denkwürdigen Zusammenkunft am Tage nach der Frankfurter Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden im Oktober 1907, da strömte in begeisterter Rede das hinreißende Wort von seinen Lippen, das irr den Herzerr aller, die zusammenberufen waren, zündete und als die eigentliche Geburtsstunde der Vereinigung für das liberale Judentum zu bezeichnen ist. Seinem Organisationstalent, seiner großen, unermüdlichen Arbeitskraft, seiner Zähigkeit und Amsicht verdankt die Vereinigung ihre ersten Erfolge. Er schuf ihr die heute noch ^bestehende Form.

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