Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 10-12 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Dr. C. Selignumn-Frankfrlri a. M.: Zum Chanuckra-Fesie Wichtigkeit, die in talmudischer Zeit unserem Feste beigelegt wird, viel tiefer. „ Wenn ein Wanderer von einem Berggipfel herabsteigt und in die Ebene gelangt, - so sieht er zuerst, wenn er sich umblickt, den Berg ganz klar und' groß vor sich liegen. Wie er seines Weges aber weiter zieht, durch; Krümmungen und Schluchten, entschwindet der' Berg allmählich seinen Blicken. Plötzlich, nach langem Wandern, hebt sich das Gelände wieder, ein neuer Gipfel winkt dem Wanderer, und mühsam klimmt er zur Höhe hinan. Jetzt erst, wo der Blick frei und die Luft klar, jetzt erst, aus gleichem Höhepunkt angelangt, sieht der Wanderer den Berg wieder und grüßt von Bergesgipfel hinüber zu Bergesgipfel. Der Wanderer ist der Jude. Einer der hervorragendsten Höhepunkte, den er aus seiner Wanderung durch die Geschichte erstiegen, ist jene Zeit, zu deren Gedächtnis das Chanuckafest eingesetzt ist. Aber die Größe dieser Zeit entschwand in den folgenden Jahrhunderten des Niederganges seinen Augen. Erst, in unserem Jahrhundert hat das Judentums wieder einen ähnlichen Höhepunkt erstiegen, von welchem aus wir, unsere Blicke rückwärts richtend, den geschichtlichen Höhepunkt der Makkabäerzeit erkennen und freudig zu ihr hinübergrüßen. . Die Ähnlichkeit unserer mit jener Zeit ist unverkennbar. Damals kämpfte das Judentum einen Selbsterhaltungskampf gegen die sieggewaltige griechische, Kultur. Eine geistige Großmacht, der die ganze alte Kulturwelt vom atlantischen Ozean bis zu den Strömen Indiens zu Füßen lag, ein neuer Goliath trat dem kleinen David entgegen, um ihn zu erdrücken. Nicht um einen nationalen Kampf handelte es sich damals, sondern um den Kampf religiöser Kultur. Der jüdische Gott-und die jüdische. Sitte sollten ausgerottet werden. . Die griechische Kultur huldigte dem Genius der sinnberauschenden Schönheit. „Da ihr noch die schöne Welt regieret an der Freude leichtem Gängelband", singt der deutsche Dichter, „damals war nichts heilig als das Schöne." ■ Im Judentum aber war nichts schön als das Heilige. Dem heiligen Gott und der heiligen Sittlichkeit huldigte das Judentum. Diese beiden Kulturmächte trafen damals aufeinander. Tausende und abertausende verließen, berauscht vom Taumeltrank der griechischen Kultur die' heilige Zucht ihres Gotteseine kleine Schar nur, um die Heldenfamilie der Hasmonäer geschart, nahm den Riesenkampf auf. Der Ausgang des Kampfes ist bekannt,- mit naiven ergreifenden Worten sagt unser Gebet: Du^ o Gott, gabst die Starken in die Hand der Schwachen, die Vielen in die Hand der Wenigen, die Anheiligen in die Hand der Reinen. . Erst in unserem Jahrhundert-sind wir im Stande, die ganze Größe jener dramatischen Zeit zu verstehen und die schicksalsschwere Bedeutung jenes Sieges zu würdigen. öerntiarcl breslauer, zu seinem Von Dr. C. Seligmann-Frankfurt a M. Am 16. November dieses Jahres vollendete der Ehrenvorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Herr Justizrat Bernhard Breslauer, in gottgesegneter geistiger und körperlicher Frischesein 70. Lebensjahr. Ein Posener Kind, im eindruckfähigsten Alter umflutet von der Bildungs-Atmosphäre jener geistigen Metropole der deutschen Ostmark, — unserem Reiche jetzt zu unserem tiefen Schmerze gewaltsam entrissen — in welcher deutsche und jüdische Kultur zu einer einzigartigen wunderbaren Einheit zusammenschmolzen, trägt Breslauer von 70. Geburtstag. seiner Kindheit her die unauslöschliche Prägung seiner Heimat und — seiner Generation an sich. Einer Generation angehörend, die aus tiefster Seele deutsche Juden waren und sein wollten und die noch nichts wußten von jener Zerrissenheit und Zwiespältigkeit, welche die unselige Last der jüngeren Generation geworden ist, klingen in Breslauer deutsche und jüdische Kultur noch harmonisch zusammen und geben seinem Wesenjenes Gepräge der Selbstsicherheit und Ganzheit, die ihn vor allem auszeichnet. Feiger Gedanken ängstliches Schwanken liegt seiner