Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 63 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau: Ueber die jüdische Reformbewegung in London 63 grpße Anziehungskraft, welche der Zionismus auf die Jugend übe, , beruhe zum Teil darauf, -aß er mehr politische als geistige Ziele verfolge, daß er Unmögliches wolle, in ähnlicher Weise wie die extremen politischen Parteien, die auch so verlockend auf die Jugend wirken. Orthodoxie und Zionismus hätten heute dadurch mehr Schwung als der Liberalismus, weil sie sich gleichsam in der Offensive befinden. Der Liberalismus leide unter einer gewissen Sattheit, in seiner Stärke liege zugleich seine Schwäche. Orthodoxie und Zionismus treiben schon in der Schule Agitation» mit "der skrupellosen Art ihrer Agitation käme der Liberalismus nicht mit, aber agitieren müsse er auch. Das Judentum sei keine Sammlung von starren Lehren und Grundsätzen, sondern etwas historisch Gewordenes, das in Fluß sei. , Herzensfrömmigkeit sei wertvoller als die religiösen Formen, diese seien aber nicht überflüssig oder wertlos, sie hätten uuch für den Liberalismus ihre Bedeutung, feien Ausdrucksmittel für das religiöse Leben, seien Stütze, aber nicht Fessel. Eine verständige Pflege der Formen solle auch von den liberalen Juden geübt werden. lieber die jüdifche klekormbewegung in London. Von Hon. Lily H. Montagu, ergänzt durch Mitteilungen von Amy Kirchberger-London. Die liberale jüdische Bewegung in. England ist verhältnismäßig jung - sie begann im Jahre 1902. Damals schuf eine Anzahl jüdischer Männer und Frauen unter Führung von Lily Montagu und Claude Montefiore Me Jewish Religious Union (jüdisch-religiöse Vereinigung). Diese Schöpfung war der erste ernstliche Versuch, der in England gemacht wurde, den Gefahren zu begegnen» welche den Bestand des Judentums bedrohten. Die Religion verlor — auch in England — immer mehr ihre Anziehungskraft auf viele Juden, die Synagogen blieben leer, die religiösen Bräuche wurden vernachlässigt; viele, viele Juden gab es, die ihren Väterglauben weder verstanden noch liebten. Da vereinigten sich die genannten Männer und Frauen, welche mit'tiefem Schmerze sahen, wie viele der Besten ihrer Glaubensgenossen sich von ihrer Gemeinschaft zurückzögen und seelisch dem Materialismus oder irgend einer der sogenannten Mode-Religionen verfielen. Sie sahen, wie die Mischeheu Zunahmen und wie Juden und Jüdinnen ihr geistiges Erbe aufgaben, ohne sich nur bewußt zu sein, was sie damit taten. 5>ie Jewish Religious Union richtete zunächst um Sabbat-Nachmittag einen Gottesdienst in gemieteten Räumen ein, bei Welchem die Gebete zum größten Teil auf englisch gesprochen wurden. - Die Predigten wurden von Laienpredigern, von Claude G. Montefiore, Dr. Israel Abrahams und anderen, auch von den führenden Frauen, gehalten. Anfänglich vereinigten sich einige Rabbiner orthodoxer Synagogen mit den Leitern der J. R. XL, um den Gottesdienst einzurichten und zu leiten. Nach und nach aber zogen sie sich von der Bewegung zurück, da einige Mitglieder ihrer Gemeinde Rivalitäten fürchteten, wo doch durch die Einrichtung des neuen Gottesdienstes nur eine ergänzende Tätigkeit' beabsichtigt war. Die Führer der Bewegung erinnern sich dankbar des Beistandes, den Dr. Singer ihnen gewährt hat, der mit einer für ihn charakteristischen Einfühlungsfähigkeit und Toleranz glaubte, Frauen und Männer zum Gottesdienst zurückführen zu können, wenn er ihnen diejenige Form des Gottesdienstes gab, die sie selbst verlangten. Im Jahre- 1903 machte die Reformstznagoge,*) die sich stets wohlwollend gegen die J. R. U. gezeigt hatte, das Anerbieten, die Union in ihre eigene Synagoge eirtz«- beziehen. Aber die Bedingungen waren derarttge, daß die Mitglieder der Union fürchteten, in ihrer freien Entwicklung gehemmt zu werden; infolgedessen lehnten sie das Anerbieten ab. Bald wurde auf Anregung von Dr. Abrahams eine Abteilung „■ *> Anm. d. Red. In England begann, angeregt durch den Hamburger Tempel, in den dreißiger Jahren des vorigen Lahrbund rts eine Rtformbewegunq, die im Jahre 1842 zur Gründung der in Wirklichkeit recht konservativen Resormsynagoge West London Synagoge) führte. 1