Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 61 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3126481-3126607-3126610--2686-3129549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Professor 3. Goldstern: Nasse und Politik 61 dem Ur-Sprung verschütteten Sprachgutes verdankt. . 3m tiefsten Grunde aber ist Rosenzweigs Werk eine erhabene Philosophie des Judentums. Denn so hegelianisch uns Lm Anfang die Dialektik, so kunstvoll die Systematik berührt, wenn wir zu Ende gelesen haben, erkennen wir, daß die Gedanken dieses Buches, nichts fremdartiges und gesuchtes sind, sondern uns wohlvertraut wie eine uralte Weise: es sind die ewigen Gedanken des Judentums, . der jüdischen Bibel und des spateren jüdischen Schrifttums, es sind jüdische Institutionen, jüdische Sitten und Gesetze, die sich uns hier, zu einem wunderbaren System geordnet, darbieten. So ist das Buch letzten Endes ein erstmaliger großangelegter Besuch einer originalen Philosophie des Judentums. Dr. S. Raffe und Politik. Von Professor Dr. Julius Goldstein. 3m Neuwerk Verlag Schlüchtern 1921. 132 Die um Neugestaltung des Lebens auS der Innerlichkeit wahren Christentums heraus ringende N e u w e r k bewegung hat in ihrer Zeitschrift „Das neue Werk" drei Fragen gestellt, einmal nach der jedem tiefer Empfindenden auffälligen Besonderheit der Antisemitenpartei, dann nach dem Problemkomplex der Beziehungen zwischen Rasse (Abstammungsgemeinschaft) - und Nation und endlich nach der wissenschaftlichen Beweisbarkeit des antisemitischen Dogmas von der konstanten' Rassenminderwertigkeit des Semitentums. Prof. Go Idstein, der Philosoph und Wissenschaftler, hat die Antwort gegeben. Eine ernste und würdige, logisch und durch Tatsachenmaterial fundierte Antwort, die auch dem Laien verständlich, hoch über der landläufigen Abwehrliteratur steht, die — und das gibt dem' Buche' seinen bleibenden Wert — von ethischem Schwung getragen, von Menschheitsliebe und Wahrheitsstreben durch- . glüht, das Gehässige und Unsittliche, das Heidnisch-Unreligiöse des antisemitischen Rassedogmas aufdeckt. ' Ein solches Buch, war eine Notwendigkeit, gerade für die jüngere Generation, die zweifelnd und wägend in die Tiefe ihres Wesens hinablauscht, um sich von Neuem zu erkennen. Die Synthese zwischen deutscher Kultur- Verbundenheit und jüdischer Religiosität, die unseren Vätern schlichte, selbstverständliche Tatsache war, ist uns durch notwendige Reaktion auf die abwehrende Stellungnahme fast unserer gesamten nicht jüdischen Umgebung zum Problem geworden. Sind wir nicht wirklich durch Abstammung, Blut oder Seele, wie man nun: den Rassenbegriff umschreiben will, zu Seiten, Preis br. Mk. 14.—. einem Anderssein als unsere europäische Umgebung verdammt oder auserwähltDie Zionisten bejahen es. Schlankweg verneint es die Generation, die noch unter den Nachwirkungen der Humanitäts-Epoche aufwuchs oder die unter der Herrschaft des Naturalismus überhaupt keine Stellung nahm zu innerlichen Problemen, der das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis oder materiellem Erfolg das Leben ganz ausfüllte. Viele stehen schwankend in der Mitte. Sie alle sollten dies Buch zur Hand nehmen, das die von einem konsequenten System der Gemeinheit diktierte, seit Jahrhunderten mit gleichen Mitteln arbeitende Parteitaktik des Antisemitismus ausdeckt, das überraschende Parallelen zwischen dem Deutschenhaß des Weltkriegs und dem Judenhaß des Weltalls zieht, das dem Rassendilettantismus, der sich den Mantel der Wissenschaft umhängt, bis in seine Anfänge nachspürt» und ihm schonungslos entblößt, das den traurigen Abstieg unserer Epoche von nationaler Idee zu nationalistischer Machtgier geißelt, die Inkongruenz zwischen Nation und Rasse dartut und das endlich vom wissenschaftlichen, philosophischen und religiösen Standpunkt aus die Unmöglichkeit feststellt, irgendwelche unveränderliche und unveränderte Rassenmerkmale anzugeben. Wissenschaftlich ist es unmöglich, weil wir nicht das genügende Tatsachen- und Erfahrungsmaterial haben, weil Beweis- und Gegenbeweis für jede Behauptung und Gegenbehauptung sich in gleicher Weise erbringen läßt: philosophisch, weil jeder ernste Denker die Hohlheit und Unhaltbarkeit des Fata-