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Liberales Judentum · 1921-07-01 · Heft 7-9 (Juli 1921) · p. Seite 57

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 7-9 (Juli 1921)
Date
1921-07-01
Page
Seite 57 (sequence 17)
Language
German
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Dr. Seligmann-Frankf. a. M.: Aufgabe und Siellung des Rabbiners in der Gemeinde 37 her Generalversammlung hier, zu Frankfurt 1902, wurde die Debatte über dieses Thema fortgesetzt, und auf der Generalversammlung zu Berlin 1910, auf welcher der Organisationsentwurf des D. I. G. B. beraten wurde, hielt der ehrwürdige Rabbiner Rosenthal-Breslau einen wissenschaftlichen Vortrag über das Thema: „Was war, was ist und was soll der Rabbiner sein." So kehrte die Frage nach "50 Jahren zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Aber sie will immer noch nicht zur Ruhe kommen. Und das hat seine guten Gründe. Denn die Aufgaben und die Stellung des Rabbiners, einst — viele Jahrhundert hindurch, fast ein Jahrtausend bis zur Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts — fest Umrissen, klar, historisch verankert, unbestritten, und unangefochten, ist mit dem Uebergang des alten Rabbinertums zum neuen Rabbinerstand eine zum Teil heiß umstrittene, nach festen Formen und Normen ringende geworden. - Das Neue in dem seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts sich entwickelnden Rabbinerstand gegenüber dem alten Rabbinertum beruht auf negativen und positiven Momenten, auf dem was dir alten Rabbiner waren und worauf ihre Geltung beruhte, was die neuen Rabbiner aber nicht mehr sind, ja zum größten Teil nicht mehr sein können; und auf dem, was die neuen Rabbiner sind und sein müssen, was die alten aber nicht waren und nicht sein konnten. Die alten Rabbiner waren amtlich vor allen Dingen Richter "in Zivilsachen. Ihre .Autorität beruhte — abgesehen von ihrer Gelehrsamkeit und ihrer Persönlichkeit — auf ihrer exekutiven Gewalt, die ihnen der Staat bereitwillig einräumte und die sogar noch Dohm in seinem Buche „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden" 1701 durch den Staat geschützt wissen wollte. „So wie jede kirchliche Gesellschaft müßte auch die jüdische" — so meint er — „das Recht der Ausschließung auf gewisse Zeiten oder immer haben, und im Fall einer Widersetzung das Erkenntnis der Rabbinen durch obrigkeitliche Beihilfe unterstützt werden." Das Lehramt in der Gemeinde selbst als Iugendlehrer und Volkslehrer im heutigen Sinne des Wortes hatten sie nicht. Dahingegen unterrichteten sie — in erster Linie die Rabbiner an größeren Gemeinden — Tag und Nacht die Talmudschüler, die von nah und fern zu den berühmten Lehrern strömten. — Sie besaßen — insbesondere in Deutschland und Polen in den letzten Jahrhunderten. — fast ausschließlich talmudische Bildung und lebten, zurückgezogen von der Welt, in den vier Ellen der Halacha. Diese Rabbinen standen darum der neuen Zeit, die mit dem Eintritt der Juden in die europäische Bildung sich vorbereitet, unverstehend, argwöhnisch gegenüber. Aber je mehr sie sich den Lebensanschauungen ihrer Glaubensgenossen entfremdeten, um so, isolierter standen sie da und um so bedeutungsloser wurde die Stellung der Rabbiner. Die Generation der gebildeten Juden nach Mendelssohn betrachtete sie als ein ehrwürdiges Erbstück aus alter Zeit. Ich will damit keineswegs ein Werturteil über jene verehrungswürdigen letzten Meister des alten Rabbinats abgeben. Wir verstehen sie heute besser als ihre Zeit sie verstand. Und wir haben Respekt vor ihrer divinatorischen Erkenntnis und ihrer unbeugsamen Festigkeit. Ergreifend sind die Worte, die der selige Joel auf der Rabbinerversammlung zu Breslau (1887) über jene Männer sagte: „Das alte Rabbinat! Wer in seiner Knabenzeit das Glück hatte, die edelsten Vertreter des alten Rabbinats noch zu sehen, für den ist es für immer mit einem Schimmer umgeben, den keine Zeit verwischen kann. Das alte Rabbinat hat geradezu vor seinem Abschied Männer hervorgebracht, auf die wir mit gerechtem Stolze Hinweisen könnW sprechend: Soweit kann es ein sogenannter „Talmudjude" bei einergeradezu erstaunlichen Gelehrsamkeit auf dem Gebiete des Talmud, in Heiligkeit und Unantastbarkeit des Lebenswandels bringen. Ja, das alte Rabbinat ging unter, schön wie ein Sonnenuntergang, etwa, wie einst das Gaonat erlosch, indem, gerade die letzten Vertreter desselben, Scherira und Hai, nahezu die bedeutendsten waren." Das alte Rabbinat versank. Die großen. Gemeinden stellten keine Rabbiner mehr an' sondern ließen von Dajonim die notwendigen Institutionen und Funktionen aufrecht erhalten. Für die neuen religiösen Bedürfnisse stellten die Großgemeinden Prediger an,, nicht als verehrungswürdige Führer der Gemeinde, sondern meist unter den entwürdigendsten Bedingungen. Das war' die Zeit,' in der

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