Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1921-07-01 · Heft 7-9 (Juli 1921) · p. Seite 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 7-9 (Juli 1921)
Date
1921-07-01
Page
Seite 55 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126607-3126610--2680-3129543
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rabbiner Dr. Salzberger-Ffm.: Wie gewinnen wir unsere'Kinder für das Judentum 55 tentum mit einander sich verweben. Wie lebendig läßt sich auf einem Gang durch das „Haus der Gräber", das für uns kein Lotenacker sein soll, das Vergangene zur Gegenwart machen! Die schulentlassene Jugend wird am besten aktiv am Gemeindeleben beteiligt werden, sei es durch Vergebung ehrenamtlicher' Arbeiten im Interesse der Gemeinde, sei es durch Vertretung in Kultuskommissionen oder — wofür die neuen Gemeindeverfassungen die Vahn frei gemacht haben — in der Gemeindevertretung selber.. Freilich müssen wir uns hüten, die Jugend nur im Hinblick auf die Ausgaben zu erziehen, die den Erwachsenen obliegen. Die Jugend hat ein Recht auf Eigenleben. Das zu verstehen und zu würdigen, die Jugend jung sein lassen und mit ihr jung sein können, gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen einer erfolgreichen Pädagogik unserer Zeit. Mehr als bisher müssen wir den jüdischen Jugendorganisationen unsere Mitarbeit zuwenden, von den Schulvereinen angefangen, über Sport- und Wanderklubs bis zu liberalen, neutralen und zionistischen 'Vereinigungen der reiferen Jugend. Zweierlei scheint mir dabei beachtenswert: einmal, daß wir es nicht zu ängstlich nehmen mit der Parieitendenz und die Jugend weder auf dieses noch. auf jenes „Programm" festlegen, sondern uns ehrlich freuen, wo jüdisches Leben in und mit der Jugend wieder wächst und blüht; und dann, daß wir uns nicht in die Leitung dieser Organisationen drängen, die die ehemals von uns beliebte Bevormundung nicht mehr ertragen, sondern im Hintergründe bleiben und doch kraft der inneren Autorität unsrer Persönlichkeit, kraft der Achtung , und des Vertrauens, das die Jugend unaufgefordert uns entgegenbringt, die Fäden in Händen halten. Das wird nur geschehn, wenn wir statt des amtlichen einen kameradschaftlichen Umgang mit der Jugend pflegen, in ihren persönlichsten Zweifeln und Nöten jederzeit für sie zu haben sind und sie in allere ernsten Lebensfragen — ich erinnere nur an die Wahl des Berufes — freundschaftlich beraten. Zu solcher Seelsorge an der Jugend gehört Zeit. Aber die muß öer Rabbiner sich nehmen; denn wichtiger als Predigen und selbst Unterrichten ist die unmittelbare Einwirkung des gereiften Führers auf die jugendliche Einzelseele. Und es gibt keine dankbarere Seelsorge als die an der Jugend; denn „ein Werdender wird immer dankbar sein." Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? Indem wir mit ihnen gemeinsam, Eltern, Lehrer, Rabbiner das uns allen gemeinsame Beth Israel, das Haus Israels aufbauen. Alles schließt dies mischkan, diese Gotteswohnung in sich: Elternhaus und Schulhaus, Gotteshaus und Gemeindehaus und das weite Haus des freien Lebens, da-' rin sich die Jugend tummelt. Soll es ein liberales Judentum sein, nun dann muß es sich vor jeder Enge und Einseitigkeit bewahren. Das soll nicht heißen, daß wir das als liberal gelten lassen, was^nichts ist als Negation. Mit Negativem hält 'man keine Jugend fest. Sie fordert heute mehr als je positive Ideale. Sie verlangt sogar neue strenge Bindungen, da sie schaudernd das Chaos erkennt, in das uns die Auflösung alles Positiven gestürzt hat. Positivere Religion ist für uns unerläßlich, nicht aus Opportunitätsgründen, Um mit der Jugend nicht die Zukunft des Liberalismus zu verlieren, sondern weil den Besonneren. unter uns wieder einmal klar geworden ist, daß nur eine Religion, die Opfer fordert, die Menschen zu freudigen Bekennern macht, und daß die Opfer ihnen ersparen, auch die religiösen Bande' lockern heißt. Denn daß das ganze Menschsein wieder von Religion erfüllt werde, daß sie aushöre, bloß eine Sache der Schule oder der Synagoge oder der Verneine, eine „Religionsstunde" oder „Andachtsstunde" zu sein, darauf kommt es an. Jüdisches Leben, ruhend aus Kenntnis des Judentums, getragen von Begeisterung, für das Judentum, gipfelnd in Liebe und Treue gegen das Judentum gilt es wieder aufzubauen^ Ist der Weg dazu aus dem sogenannten liberalen Elternhause heute noch ungangbar, nun, so wird er am Ende ins Elternhaus führen: durch unsre Kinder werden wir unsre Eltern zurückgewinnen. Ist das eine Utopie? Aber schon kündigt sich für den Sehenden Verwirklichung an. Es bedarf nur eines, starken frohen Glaubens, eines festen klaren Willens, und demütiger unablässiger Arbeit am Werk.' Ein Suchen und Dürsten ist in unserm jungen Geschlecht nach Iüdischkeit und jüdischer Frömmigkeit. Ob der eine mehr im Nationalen» der andere im Nurreligiösen und wieder einer in der Verbindung beider das Heil unserer Gemeinschaft erlebt, der Streit zur Ehre des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.