Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 49 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126607-3126610--2674-3129537- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
°o Rabbiner Dr. Salzberger-Ffm.: Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum 49 sich vor den alten Autoritäten in Schule und Haus, in Staat und Gesellschaft nicht mehr beugen. Von einem wahren Freiheitsrausch ergriffen, zerschlagt sie die „Götzen", die ihr den Weg sperren, und bricht ungestüm sich eigene Wege zu eigenen Zielen. lind doch, daß die Jugend wieder Ziele hat anstelle der bloßen Zwecke, daß sie sich Wege bricht statt die ausgetretenen zu trotten, mußte jeden Er-» zieher mit neuer Hoffnung erfüllen. Nicht mehr die Sattheit und Müdigkeit, an der unsre Jugend noch vor dem Kriege krankte: ein leidenschaftliches Suchen und Drängen — wonach? sie wissen es selber kaum deutlich zu sagen. Aber sie fühlen es alle brennend heiß: hinaus aus der entsetzlichen Leere und Oede dieser in Trümmern zusammengebrochenen herzlosen Welt auf ein Stück unbefleckter Erde, um aus ihr ein neues, sittliches Leben von Grund aus aufzubauen. Der stürmische Vernichtungsfeldzug gegen Schund und Schmutz in Bild und Wort, die Bekämpfung des Alkoholgenusses, die Forderung eines keuschen Lebenswandels, von den Besten unter den Jugendlichen gepredigt und durchgeführt, die Einfachheit und Natürlichkeit, die harmlose Fröhlichkeit und Geselligkeit, wie sie auf regelmäßigen Wanderfahrten von Tausenden Jugendlicher geübt werden, sind sichere Anzeichen einer von innen kommenden sittlichen Wiedergesundung. Diese aber ist immer Vorbedingung und Vorbote des religiösen Wiedererwachens gewesen. And in der Tat ist es nicht zu verkennen, daß unsere Jugend von einer tiefen religiösen Sehnsucht erfüllt ist, einem Verlangen nach unmittelbarem religiösen Erleben, nach einer prophetischen Erkenntnis des lebendigen Gottes, die nicht aus metaphysischer Spekulation abgeleitet ist, sondern urquellartig aus Geist und Seele bricht. Wie überall teilt sich auch hier die Bewegung in unsrer -Umwelt unsrer jüdischen Gemeinschaft mit.-Wie man dort des Rationalismus satt ist, der Gott zu einem bloßen Schemen verflüchtigt, so auch hier. Die Jugend schaut voll Ungeduld nach Wegweisern zu dem alten neuen Gotte aus. Es erweist sich tiefer gesehn als garnicht richtig, daß sie jede Autorität verwirft — sie verwirft nur die steinernen und papierenen, die starren und toten. Sie verlangt im Gegenteil nach Führern — freilich nicht bestallten und bestellten — denen sie in unbedingtem Vertrauen Gefolgschaft leisten kann. Führer sollen es sein, die mit der Jugend jung sind und zugleich durch ihre gereifte und gefestigte Persönlichkeit sie sortreißen, gleichviel zu welchem erhabenen Ziele. Hier ist ein vortrefflicher Boden für den religiösen Erzieher. Hier kann unsre Zeit, die so vieles „abbaut", endlich auch einmal aufbauen. Aber es muß eben aufgebaut und nicht ein fertiges Gebäude hingestellt werden. Mit unsrer Jugend gemeinsam müssen wir Stein für Stein das Haus unsres Judentums noch einmal aufbauen. Feinsinnig deuten unsre' Weisen, auf die sprachliche und inhaltliche Verwandtschaft von bonim- Kinder und bonim - Bauleute hin. Nicht die flüchtige Stunde einer „Erbauung" im ästhetischen Sinne, sondern das eine, das ganze Leben in Zeit und Raum überwölbende Heiligtum, an dem wir als Baumeister, unsre Kinder als Bauleute schaffen, soll 'das Werk unsrer religiösen Erziehung sein. Das Fundament für die religiöse Erziehung gibtdas Elternhaus. Denn wie die Erziehung überhaupt, so beginnt auch die religiöse am ersten Tage des Lebens. Die Eindrücke, die das Kind in den Zeiten empfängt,» da seine Seele noch unverbildet ist, gleichen nach einem Bilde unsrer Weisen der Tintenschrift auf frischem Pergament, die nicht zerfließt und nicht verlöscht. Gerade das, was der Mensch unbewußt als fortwährend ihn umgebende geistige Atmosphäre einätmet, wird ihm zu Fleisch und Blut und also bestimmend für seine seelische Physiognomie. Hätten wir das religiöse Elternhaus in unserm liberalen Lager, dann brauchten wir nicht erst auf Mittel zur Wiedergewinnung unsrer Jugend zu sinnen. Aber die Eltern selber müssen heute erst wieder für die Religion gewonnen werden. Das ist die schwerste, ja viele meinen: eine aussichtslose Aufgabe. Immerhin muß sie in Angriff gekommen werden, denn es gibt für das Elternhaus keinen gleichwertigen Ersatz. Auch vereinzelte Erfolge sind darum wertvoll, wie denn in der Erziehung zur Religion, zur jüdischen Religion wenigstens, mit Massenerfolgen nicht zu rechnen ist. Das uns liberalen Rabbinern am nächsten liegende Mittel zur Einwirkung auf die Eltern ist die Predigt. Wir sollten, von der Höhe der Abstraktion herabsteigend, sie häufiger für die Besprechung praktischer religiöser Fragen benutzen und