Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Rabbiner Dr. Salzberger-Ffm.: Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum Aber darüber hinaus gibt es noch ein gelobtes Land, das allen Hoffenden winkt, wenn diese Wüstenfahrt zu ende ist. Kennst du das Land? Äst nicht die letzte Sehnsucht der Seele dahin! dahin! Hörst du nicht in dieser Stunde die Stimmen geliebter dorthin schon Eingegangener, die auch dir rufen? Darfst du matt werden, wenn du an das Ziel glaubst und sie dir winken? Felsenherz, kannst du hart bleiben, - hörst du nicht das Rauschen in deinen eigenen Tiefen? So ströme denn, bittersüßes Naß, quille, du Zähre sehnsüchtiger Erinnerung, Labsal bekümmerter Seelen, du Tau aus Himmelshöhen, du Abglanz menschlich-göttlicher Liebe und ewigen Lebens. Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? ° Vortrag auf der Tagung der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands am 17. Mai 1921 zu Frankfurt am Main, gehalten von Rabbiner Dr. Salzberger-Frankfnrt am Main. Sehr geehrte Herren Kollegen, verehrte Gäste! Ans alle, die wir um die große religiöse Not unserer liberalen Jugend wissen, drängt es, auf Mittel und Wege zu sinnen, um ihr abzuhelfen. Die konservative Jugend lebt zumeist in Aebereinstimmung mit ihrem Elternhaus, die zionistische noch überwiegend im Kampfe mit dem ihrigen, beide brauchen für das Judentum — das Wort im weitesten Sinne genommen — nicht erst gewonnen zu werden. Aber was ist und wo ist die „liberale" Jugend? Sie lebt allerdings nicht im Kampfe mit dem Elternhaus, sie lebt in Aebereinstimmung mit ihm, aber das bedeutet leider, daß sie von jüdischen Dingen nichts weiß und nichts wissen will (es gälte denn die Abwehr des Antisemitismus), und von religiösen Dingen nichts hält und nichts halten mag. And wenn wir bedenken, daß dieser sogenannte Liberalismus nahezu zwei Drittel der deutschen Iudenheit umfaßt und daß die Verhältnisse in den westlichen Ländern noch ungünstiger liegen, so wird es uns klar, daß, soll das Ideal eines positiven religiösen Liberalismus nach uns nicht kläglich untergehn, es unsere vornehmste Sorge sein muß, ihm die abseits stehende Jugend wieder zuzuführen. Proselyten in anderen jüdischen Lagern zu machen liegt uns fern. Die Ausgabe, die uns zufällt, ist ^ohnedies wahrlich groß und schwer genug. Daß sie uns gelinge, daran müssen wir freilich unbedingt glauben. Ohne diesen Glauben würden wir liberalen Rabbiner und Führer uns selber aufgeben, würden wir liberalen Lehrer und Erzieher noch nicht eine junge Seele für unsre Sache begeistern. Nur um das Wie kann es sich für uns handeln. Auf dieses Wie? aber eine einzige Antwort zu geben ist nicht möglich. Es liegt im Wesen des Liberalismus, daß er für die Krankheit, gegen die er ankämpft, keine Radikalkur kennt, wie etwa die nationale Wiedergeburt oder die vorbehaltlose Anterwersung unter das Gesetz. Wir können dem, Organismus lediglich durch Anwendung verschiedener Mittel zur freien Entfaltung seiner Kräfte verhelfen, die ungebraucht zu verkümmern drohen. Kaum eines dieser Mittel ist, das nicht schon genannt und empfohlen worden wäre; ich bin mir wohl bewußt, neue Gedanken darüber nicht geben zu können. Aber ich halte es für nützlich, die praktischen Möglichkeiten zur Gewinnung unserer Kinder für das Judentum unter bestimmten Gesichtspunkten zusammenzustellen; vielleicht daß durch solche ordnende Zusammenstellung der eine oder der andere unter uns. neuen Ansporn zup tatkräftigeren Durchführung des uns allen gemeinsamen Werkes empfängt. Auf den ersten Blick scheint das Werk heute schwieriger.als je. Die Trennung von Staat und Kirche ist vollzogen, der Religionsunterricht ist wahlfrei, mit 14 Jahren hat der Schüler das Recht, seine Befreiung vom Religionsunterricht selber zu beantragen, aus -dem Reifezeugnis ist die Note' für Religion gestrichen, selbst der Austritt aus der religiösen Gemeinschaft steht heute dem Minderjährigen frei: er ist von Staats wegen in religiöser Hinsicht völlig ungebunden. Abeq auch von sich aus hat die Jugend unsrer Zeit die alten Bindungen abgeschüttelt. Sie will