Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 50 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Rabbiner Dr. Salzberger-Ffm.: Wie gewmnen wir unsere Kinder für das. Judentum °° im Lichte seiner immer aus dem Leben geschöpften und für's Leben bestimmten Wahrheit unsren Zuhörern zeigen, was.unter den heute obwaltenden Zuständen für" die Belebung des Religiösen im eigenen Hause zu tun nötig und möglich ist. Zum wenigsten würden wir mit dergleichen Themen unsere Gemeinde in größerer Zahl als üblich ins Gotteshaus ziehn. Ein jüdisch-religiöses Haus ist freilich ohne religiöses und jüdisches Wissen nicht denkbar. Das ist ja für die jüdische Auffassung kennzeichnend, daß sie die Religion nicht dem „Volke des Landes" für angemessen hält, sondern welo am haarez chasid den Ignoranten für wahrer Frömmigkeit unfähig erklärt. Vorträge und besser noch Vortragsreihen aus dem Gebiete der jüdischen Religion und Religionsphilosophie, der jüdischen Geschichte und Literatur, in Vereinen, in jüdischen Volkshochschulen oder etwa an Sabbat- Nachmittagen in der Synagoge gehalten, könnten die nötigsten Kenntnisse Vätern und Müttern vermitteln und sie zu eigener Beschäftigung mit ihrem Judentum anregen. Warnen möchte ich davor, den Nachdruck auf Religionsgeschichte zu legen, die den Laien eher verwirrt als klärt. Dagegen dürste eine gerechte Würdigung des Christentums einem besseren Verständnis des Judentums dienen. Vor einer Ueberschätzung der Wirkung von Predigten und Vorträgen brauche ich bei den Erfahrungen, die wir alle damit gemacht haben, wohl nicht erst zu warnen. Viel wirksamer ist die persönliche Berührung zwischen Rabbiner und Gemeinde, Was wir „Seelsorge" nennen, kann und darf sich nicht auf die Behandlung „akuter Fälle" von Not und Sorge beschränken, derentwegen man uns aufsucht. In regelmäßigen „Elternabenden" lassen sich, bei steter Aussprache gar viele Irrtümer und Mißverständnisse, die in religiösen Erziehungsfragen herrschen, aüfklären, viele Fehler und Mängel des Religionsunterrichtes beseitigen. Hier ließe sich die Torheit, den Religionsunterricht durch einen allgemeinen religionsgeschichtlichen oder bloß moralischen ersetzen zu wollen, unschwer aufzeigen. Hier ließe sich die Notwendigkeit überzeugend Nachweisen, der Religion in der Schule einen Platz einzuräumen als dem einzigen „Fach", das kein Fach ist, worin vielmehr wie in eines Fächers Drehpunkts alle Fächer erst zu einer Einheit des Erkennens zusammenlaufen, und von wo sie sich nach allen Seiten harmonisch entfalten. Wo irgend die Zeit es ihm gestattet, soll der Rabbiner die Eltern im Hause aufsuchen. Er wird dadurch einmal die ihm anvertrauten Kinder erst recht verstehen und behandeln und dem gefährlichen Konflikt zwischen dem was er lehrt und dem, was die Kinder zuhause sehn, Vorbeugen, lernen, ganz abgesehen von all dem andern, was er dabei an Einblicken in Menschenherzen und Menfchendinge gewinnt. Und er wird sodann in dem nahen Beisammensein von Mensch zu Mensch tiefer und nachhal- ' tiger wirken können als von Kanzel und Katheder. Es versteht sich von selbst, daß er dabei weder als der liebenswürdige Plauderer, noch als der pathetische Mahner kommen darf. Das „Alles oder Nichts" würde in einem der Religion entfremdeten Hause ihm von vornherein jeden Erfolg versperren. Hinter dieses Wort verschanzen sich ja, im stolzen Gefühle einer prinzipienstrengen Brand-Natur (die ihnen sonst garnicht liegt) mit Vorliebe die liberalen Erzieher, ohne sich die Alternative gar so schwer zu machen, da sie sich regelmäßig für das Nichts entscheiden. Wollen wir die Eltern gewinnen, so müssen wir ihnen klar machen, daß das Leben ohne Kompromisse nicht auskommt, daß etwas immer noch besser ist als nichts und daß, wenn sie schon den Sabbat nur zur Hälfte als Ruhetag begehen können, umso mehr der Freitag Abend mit allem Licht und aller Wärme der Religion erfüllt werden muß. Wir dürfen den beliebten Einwand des Vaters, er sei „irreligiös veranlagt", nicht gelten lassen; wie die Unmusikalischen so sind die Unreligiösen zumeist Menschen, bei denen mangels Anregung und Uebung ein allen Menschen eingeborener Sinn verkümmert ist, woraus eben folgt, daß er gekräftigt werden kann. Wir dürfen den andern beliebten Einwand nicht gelten lassen, man könne doch nicht mit einem Male vor seinen Kindern mit unverstandenen religiösen Riten beginnen; jawohl, man überwinde sich und beginne und übe nach Alt-Israels Wortrnaaseli^siiiseLma, man wird sehr bald verstehn und bei den -Kindern Verständnis finden. „Um der Kinder willen!" Diese Losung wird am Ende bei denen, die guten Willens sind, durchschlagend Wie das Haus für die -Kinder die beste Schule sein soll, so soll die Schule ihnen