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Liberales Judentum · 1921-07-01 · Heft 7-9 (Juli 1921) · p. Seite 45

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 7-9 (Juli 1921)
Date
1921-07-01
Page
Seite 45 (sequence 5)
Language
German
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45 Dr. Jacob-Dortmund: Schriftforschung und Erbauung an einer Probe für Menschen, für fein Volk hingegeben. Sondern weil er „Gott nicht geheiligt hat." Und schließlich die Strafe selbst! Wie sie sich auch zu dem Vergehen verhalte — eines ist gewiß: sie trifft Mose an seiner verwundbarsten Stelle, an seinem Lebenswerk. Das ist die Unzulänglichkeit und häufige Erfolglosigkeit menschlicher Strafen, daß sie nicht die schwache Ferse, die jeder Schuldige, die jeder Mensch hat, treffen, weil sie sie nicht kennen. Aber Gott kennt sie und trifft sie unfehlbar. Wie viel besser würden wir die göttliche Gerechtigkeit verstehen, wenn wir, anstatt .glaubenslos oder widerspenstig zu fragen: „was hat dieses Unglück, das mir widerfährt, mit jener meiner Schuld zu tun?", sie nach rhrer Zielsicherheit beurteilten. Doch so lehrreich schon diese allgemeine Betrachtung der Sünde Moses ist, so enthebt sie uns nicht der Bemühung, sie im Besonderen zu begreifen. Dazu sind von den gelehrten Erklärern der Bibel von jeher große Anstrengungen gemacht worden. Moses Sünde, wenn von <einer solchen überhaupt ' zu reden sei, habe darin bestanden, daß er auf den Felsen geschlagen habe, anstatt zu ihm zu reden, oder 'daß er zweimal geschlagen habe oder daß er das Volk unverdientermaßen gescholten habe, oder daß er seine Selbstbeherrschung verlor und in einen für ihn unziemlichen Zorn geraten sei, oder daß er an Gottes Worten geändert chabe, oder daß er mit seinem Bruder den Anschein erweckt habe, als wenn sie sich selber das Wunder zuschrieben und noch manches andere. Sicherlich ist in diesen — wohl an die zwanzig — verschiedenen Erklärungen manches Wahre, aber — ihre gelehrten und frommen Urheber in Ehren — alles erklärt keine. Es kann auch keine ganz befriedigen, die nicht den Urteilen gerecht wird, mit denen Gott selbst die Tat kennzeichnet.: „ihr habt nicht an mich geglaubt, mich zu heiligen, an anderen Stellen: ihr wäret mir üngehors am anstatt mich zu heiligen — ihr habt mir Abbruch getan und habt mich nicht heilig gemacht inmitten der Kinder' Israel". Die Lösung des Rätsels ist nur zu finden» wenn wir einen kleinen' Schritt tun; den merkwürdigerweise alle^ Erklärer unterlassen zu haben scheinen — w<rnn wir auf die Unmittelbar vorangehende Rede des Volk es zurückgehen und sie genau erwägen. „Und das Volk haderte mit Mose indem sie also sprachen: Ach, daß wir doch umgekommen wären, als unsere Brüder vor Gott umkamen! Warum habt ihr die Gemeinde Gottes in diese Wüste gebracht, daß wir und unser Vieh da sterben. 2a, warum habt ihr uns' aus Aegypten geführt, um uns an diesen schrecklichen Ort zu bringen. Das ist kein Ort mit Ernte, mit Feigen, Wein und Granaten und Wasser gibt es da nicht zum Trinken!" Wenn die Israeliten, von Durst gequält, klagen, so sind sie im Recht und auch bittere Reden dürfte man ihnen nicht verargen. Sie' sind für den Leidenden ein Ventil. Aber diese Rede des Volkes ist keineswegs so naturwüchsig, sondern voll Falschheit und Gift. Ihre Schilderung der Wüste, in der sie jetzt leiden, ist nämlich eine wohlberechnete Verhöhnung desgelobtenLandes. Neben der Bezeichnung als eines Landes, das „von Milch und Honig fließt", rühmt ein dichterischer Preis Kanaans, der erweislich noch viel älter als Mose ist und den sie öfter aus seinem Munde gehört haben müssen, es als „ein gutes Land, mit Wasserströmen, Quellen und Seen, die im Tal und Gebirge hervorbrechen, ein Land des Weizens und der G e r st e, des W e i n st o ck e s, der Feige und Granate, ein Land des Oelbaumes und Honigs". Sich darauf beziehend höhnen sie denn also: wo ist denn hier das Korn, der Wein, die Feige und Granate? Nicht einmal Wasser gibt es in dieser schrecklichen Gegend! Hier ist der sichere Tod. Wir schenken dir dein gelobtes Land, ein Schluck Wasser zu dieser Stunde wäre uns lieber als alle seine Herrlichkeiten. Sie haben schon öfter gemurrt: bei den Bitterwassern, beim ersten Haderwasser, beim Aufstand unter den Kundschaftern, und besonders das letzte Erlebnis, das den Strafzorn Gottes über das ganze Volk heraufbeschworen hatte, weil ^sie das verheißene Land aus Furcht vor den Kämpfen der Zukunft verschmäht hätten, hat sie vorsichtig gemacht. Deshalb verstecken sie jetzt ihre Mißachtung des fernen Ziels gegenüber der gegenwärtigen Not unter heuchlerischer Frömmigkeit. Nicht gegen Gott ginge ihre Empörung. Ihn. führen sie fromm im Munde. „Unsere Brüder, die 'vor Gott umkamen", d. h. nach seinem heiligen Willen;

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