Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Dr. Iaeob-Dortmund: Schriftforschpng und Erbauung an einer Probe dem Felsen vor ihren Augen, und er wird sein Wasser geben, und du wirst - ihnen Wasser aus dem Felsen Hervorbringen und die Gemeinde und ihr Vieh tränken. Da nahm Mose den Stab von vor Gott, wie er ihm befohlen hatte. Und Mose une Ahron versammelten die Gemeinde angegesichts den Felsens und er sprach zu ihnen: Höret doch, ihr Widerspenstigen! Sollen wir euch aus irgendeinem Felsen Wasser hervorbringen? Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen zwei Mal mit seinem Stabe und es strömte das Wasser und tränkte die Gemeinde und ihr Vieh. Da sprach der Ewige zu Mose und Ahron: weil ihr nicht an mich geglaubt habt, daß ihr mich geheiligt hättet vor den Augen der Kinder Israel, darum sollt ihr diese Gemeinde nicht in das Land bringen, das ich ihnen gegeben habe. — Dies sind die Haderwasser, wo die Kinder Israel mit Gott haderten und er sich ihnen als heilig erwies." Diese Erzählung ist eine der wegen -ihrer Schwierigkeit umstrittensten der Thora. Die Schwierigkeit besteht darin, zu sagen, worin denn eigentlich die Sünde Moses (und Ährons) bestanden habe und warum dafür diese überaus schwere Strafe verhängt werde. Noch bevor wir darin einzudringen suchen — welche ernsten und erbaulichen Lehren liegen hier schon an der Oberfläche! Also Mose hat gesündigt! — auch ein Mose! Und es ist ihm weder die Strafe von Gott noch der Bericht darüber pon der Schrift erlassen worden. Die heilige Schrift verlangt Wahrhaftigkeit, aber sie übt sie auch, und mit unerbittlichem Griffel verzeichnet sie die Verfehlungen selbst ihrer Größten, ihrer Größten erst recht. Wir können ihr nicht dankbar genug sein für diese wenigen Verse, mit denen sie sich selbst bereichert hat, und es ist eine Wahrheit in der Dichtung, daß Mose selbst Gott darum gebeten habe, daß seine Sünde ausgezeichnet werde. Durch sie ist verhütet worden, daß das Judentum etwa einen Mose also überhaupt einen Sterblichen als heilig und göttlich verehre. Denn'wer wäre noch größer als Mose? „Keiner ist heilig als der Ewige." In diesem Sinne kann man fast sagen: grade durch seine Sünde hat Mose' Gott geheiligt, als den allein Heiligen dargetan. Mose muß sündigen, um zu zeigen, daß. auch er nur ein Mensch ist. Vor dem Heiligen kann niemand sprechen: „ich bin lauter, ohne Fehl, lauter, ohne Sünde" — „wer darf sprechen: ich habe.mein Herz geläutert, bin rein von Schuld"? Wer also könnte sagen: ich brauche keine Sühne, keinen Jom Kippur? „ Aber wie geringfügig muß die Sünde Moses gewesen sein, wenn sie selbst von dem geschärften Auge nachdenklicher Ausleger, selbst von einem feinen sittlichen Gefühl kaum zu entdecken ist. Sie bestand auf alle Fälle nur aus einem Wort, einer Uebereilung, einer Unterlassung, und doch diese schwerste Strafe? Also gibt es eine Beurteilung menschlichen Tuns, die um Haaresbreite mißt. „Siehe, selbst an seine Heiligen glaubt er nicht, und an seinen Engeln nimmt er Anstoß." „Mit denen, die ihn umgeben sollen, mit seinen Frommen, nimmt er es haarscharf." Groß macht Größe und Schwere der Verantwortung. Sie bringt in die Nähe Gottes. Aber es ist eine besorgliche Nähe, und die höchsten Eichen trifft der Blitz zuerst. Und wenn uns Gottes Strafen unbegreiflich erscheinen, so liegt das daran, daß wir seine Gerechtigkeit nach der menschlichen Justiz messen. Wir meinen wohl, daß das Vergehen eben so äußerlich und wuchtig gewesen sein müsse wie es die Strafe ist. Als wenn blos der Keulenschlag tötet und nicht auch der winzige Krankheitskeim,- als ob nicht die Unbedachtsamkeit eines einzigen Augenblicks einen Menschen, ja ganze Völker in namenloses Unglück stürzen kann! Göttliche Gerechtigkeit urteilt auch nicht blos nach dem angerichteten Schaden, sondern nach dem Ungehorsam als solchen, mit dem die Majestät des Gesetzgebers, des Heiligen, beleidigt worden ist, sie bestraft die Sünde gegen Gott. Die weltlichen Menschen kennen solche nicht oder siemacht ihnen geringere Beschwer. Ihnen, genügt Tugendhaftigkeit, Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit. Das ist mit Nichten etwas Geringes, auch ganz gewiß vor Gott. nicht. Aber wenn man die Religion auf Moral herabstimmt, dann wird die Moral bald zusammenschrumpsen aus Gesetzlichkeit, auf "die äußere Erfüllung dessen, was die Menschen und ihre Gesetze vorschreiben, und die Tugend auf gerichtliche und gesellschaftliche Unbescholtenheit. Nicht für" einen solchen Verstoß wird Mose gestraft. Er steht an Tugendhaftigkeit als einer der Größten da, die je gelebt haben, sein ganzes Leben hat er