Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 4-6 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 38 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Mitgliederversammlung d. O d. l. R. D.: Referat Kahlberg gen das deutsche Vaterland gesehen werden. Auch der Katholik gibt 'seinen Peterspfennig und unterstützt seine Glaubensbrüder im Ausland. Dieser Gesichtspunkt sowie der weitere, daß wir vielleicht für Tausende von verfolgten Brüdern eine Heimstätte schaffen Helsen, ist ausschlaggebend, alles sonst vorgebrachte ist nur Phantasie. An eine religiöse Entwicklung durch Palästina, von der auch manche Liberale schwärmen, ist nicht zu denken. Im Kampfe zwischen Wilna und Jerusalem wird sicher Wilna siegen. Praktisch kann in Deutschland, gewiß nicht viel geleistet werden, der eigentliche Ausbau muß durch Aryerika oder England geschehen. Aber wir dürfen uns nicht von dem allgemeinen jüdischen Werke trennen. Durch Gegenarbeit würden wir nicht nur der Sache schaden, sondern sogar im Falle "des Mißerfolges den Zionisten eine - Ausrede gewähren, um uns die. Schuld zuzuschieben. Der Mißerfolg der hochsliegenden nationalen Träumereien ist heute eklatant, nie wird es einen Nationalstaat Palästina geben, übrig bleiben wird aber hoffentlich eine blühende Heimstätte unter geordneter Verwaltung, und diesem Werk darf man seine Hilfe nicht versagen. Auch der Ostjudenf r a g e ist große Aufmerksamkeit zuzuwenden. Von der eifrigen Tätigkeit gerade des liberalen Rabbiners zur Linderung des Elends, zur Förderung^ aller Institutionen braucht hier nicht die Rede zu sein. Wenn es auch in gewissen kulturellen Dingen Unterschiede geben mag — deutsche Gemeinden werden z. B. kaum zur Einrichtung von Chederschulen verpflichtet sein — so darf es doch religiös auch nicht den allergeringsten Unterschied geben. Bezüglich der jüdischen Volksschule' ist davor zu warnen, sich von den politisch liberal Interessierten und den Indifferenten ins Schlepptau nehmen zu lassen. Mehr und mehr hat sich die. Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß die jüdische Schule im Interesse der religiösen Erziehung unserer Jugend notwendig ist. Was vor 10 Jahren noch eine Forderung einzelner war, ist heute Forderung der gesamten jüdischen Lehrerschaft und eines sehr großen Teils auch der liberaler Rabbiner geworden. Der Gegensatz zu den Laien darf uns nicht schrecken, wenn wir nach bestem Wissen und Gewissen die ewigen Interessen des Judentums unabhängig von zeitlichen politischen Stimmungen und Versttncmungen schützen wollen und demgemäß religiöse Erziehung in jüdischer Volksschule ver-, langen. Zur Ingendsrage ist zu bemerken, daß wir der neutralen Jugendbewegung nicht feindlich gesinnt sind, obwohl die neutrale Jugendbewegung in Einzelfällen, so beispielsweise in Leipzig unsere liberale Bewegung ' aufs heftigste verleumdet. Viele von uns arbeiten gern und freudig in der neutralen Jugendbewegung mit. Erste Pflicht des liberalen Rabbiners ist es aber, die liberale Jugendbewegung zu fördern, ^die sich gegen keine andere wendet, die aber wirklich positives Judentum religiöser Art fördert. Jeder liberale Rabbiner muß die Interessen der liberalen Jugendbewegung fördern, selbst wenn er daneben auch die neutrale unterstützt. Es wäre das schlimmste Zeichen für den Verfall der liberalen Idee, wenn die an sich innerlich gefestigte liberale Jugendbewegung keine größere Ausdehnung gewänne. . Kahlberg: Unsere Stellungnahme zur Gesamtorganisation der deutschen Iudenheit kommt leider reich-- lich spät. Sie ist angenommen nach einem Entwurf, der allen Richtungen und Ständen weitestgehende Konzessionen gemacht hat, nur den Rabbinern nicht. Wir mußten uns in einer Airsschußsitzung des Rabbinerverbandes von Dr. Freund sagen lassen, daß die geringe Zahl von 3 Rabbinern im Rat schon als ganz bedeutendes Entgegenkommen dem Ausschuß abgerungen sei. Für jede weitere Konzession fehle jedes Verständnis, könne vielmehr die Vertretung der Rabbiner im Rate überhaupt ganz gefährden. Für uns liberale Rabbiner ist diese Tatsache besonders traurig und beschämend. Derganze Entwurf läßt gerade das liberale Verständnis der Liberalen am meisten vermissen. Die demokratischen Prinzipien sind wie immer im Judentum am besten von - den Orthodoxen und Zionisten vertreten. Das gilt zunächst von der Ausländerfrage. Es war ein Zionist, der den ganz richtigen Standpunkt vertreten hat, für* die Gesamtorganisation dürfte man im Gegensatz zur Einzelgemeinde doch nur den Standpunkt vertreten, daß wir eine religiöse Gemeinschaft seien, daß mithin ein Unterschied zwischen Ostjuden und Deutschen