Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 4-6 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 37 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitgliederversammlung d. V d. l. R. D : Referat Goldmann 37 natürlich die historische Würdigung derselben als einer bedeutsamen Tat nur zeitweise verdunkeln. Für uns ist das Judentum eine rein religiöse Erscheinung, die nichts mit politischen und völkischen Strebungen gemein hat, und - die liberale Auffassung desselben machtsich wohl den großen wissenschaftlichen Grundsatz einer ständig fortschreitenden Entwicklung zu eigen, gestattet aber keine schrankenlose Freiheit, sondernfordert gleichfalls Positives jüdisches Leben auf Positiver religiöser Grundlage. Die liberalen Rabbiner begrüßen deshalb alle Entwicklungen, die für den Ausbau eines positiven jüdischen Lebens von Wert sindsie beurteilen die Gegenwärtsftagen ausschließlich nach diesem Werte und ' brauchen sich deshalb nicht grundsätzlich ablehnend gegen den Aufbau des heiligen Landes, soweit er sich .von politischen und völkischen Zielen fernhält, gegen die Errichtung jüdischer Schulen, gegen die Anerkennung der Gleichberechtigung aller Juden in religiösen Angelegenheiten zu wenden. Vielmehr kann jeder liberale Rabbiner an allen diesen Aufgaben Mitarbeiten, ohne irgendwie seinen grundsätzlichen liberalen Standpunkt zu verhetzen. Hauptaufgabe bleibt natürlich die Tätigkeit in den Gemeinden zur Erzielung positiven jüdischen Lebens. Der fteieren Lebensführung in der Öffentlichkeit gegenüber muß der Hauptnachdruck auf die . Schaffung eines religiösen Lebens im Hause gelegt werden. Die Gefahren, welche die staatlich gewährte größere Freiheit der Religionszugehörigkeit und dem Religionsunterricht gegenüber mit sich bringt, müssen dadurch bekämpft werden, daß der Rabbiner stärkere persönliche Fühlung mit den Familien, besonders mit der Jugend gewinnt. Der Gestaltung der religiösen und sozialen Institutionen der Gemeinde muß .gerade in der jetzigen Zeit der Not besondere Aufmerksamkeit gelten. Das ist nicht so schwer, so weit es sich um Thora und Gemiluth chasadim handelt, die auch in den schlimmsten Nöten im Judentum nicht zu unterbinden waren; aber sein anderes Fundament, Abodah, verlangt von seiten der liberalen Rabbiner den allerstärksten Einsatz aller Kräfte, * ,. Der Vortragende faßte seine Ausführungen in folgende Thesen zusammen: Das Judentum ist eine religiöse Erscheinung in der Meüschheit, jede politisch und völkisch gerichtete Auffassung desselben ist abzulehnen. Der jüdische Liberalismus ist demgemäß gleichfalls eine ausschließlich religiöse Erscheinung. Er betrachtet das Judentum vom Standpunkt einer fortschreitenden Entwicklung und beurteilt auch die jüdischen Fragen der Gegenwart allein nach dem Wertenden sie für ‘ die religiöse Fortentwicklung besitzen. Von diesem Gesichtspunkt aus muß er z. B. die Erhaltung und Begründung jüdischer Schulen als durchaus wertvoll anerkennen. Auch der Aufbau des heiligen Landes liegt im Interesse der religiösen Fortentwicklung des Judentums und ist unterstützungswert,- wenn er von ° Organisationen geleitet wird, die keine politischen und völkischen Zielen dabei verfolgen. Als wichtigste Aufgaben aber erfordert die- Gegenwart der religiösen und sittlichen Festigung der Gemeinden, alle Kräfte zu widmen und ihre religiösen und sozialen Einrichtungen auch unter den erschwerten Verhältnisse sn erhalten und auszubauen. Goldmann führt zur Stellung des Rabbiners zu - den modernen Problemen etwa folgendes aus. Der liberale Rabbiner darf an keinem modernen Problem achtlos vorübergehen. Insbesondere hat er sich mit der Grundlage unserer gesamten Arbeitsmöglichkeit mit dem Kampfe gegen den Antisemitismus zu befassen. Ohne wirksame Bekämpsung des Antisemitismus gibt es keine religiöse Freiheit, keine politische Freiheit, kein wirtschaftliches Fortkommen, überhaupt kein jüdisches Leben! Der Zionismus und liberales Judentum schließen sich unbedingt aus, sobald das nationale Moment als Kriterium für das Iudesein auftritt. Mit unreligiösen atheistischen, Nationaljuden, die den Primat der Religion leugnen, gibt es keine Verständigung. Mit den religiösen Gruppen, wie dem Misrachi und den religiös interessierten Zionisten kann es dagegen ein Zusammenarbeiten geben, insbesondere in der Palästinaarbeit. Der Aufwandes heiligen Landes ist eine unbedingte religiöse Pflicht und einer solchen sich zu entziehen, haben wir' Liberalen weder ein Recht noch einen Anlaß. In» dm: Forderung das Aufbaues kann kein Anrecht ge-