Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 4-6 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 32 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Mitgliederversammlung d. V. d. t. R: D.: Referat Vogelslein Freudigkeit am Judentum. Der Weg hat sich als falsch erwiesen. Mit Nachgibigkeit erzielt man gar nichts. Und der beste Beweis dafür ist ja, daß Heut eine so starke Sehnsucht nach Gläubigkeit, nach Festem durch die Seelen zieht. Nun sagen Sie aber nicht, aha, also wir sollen uns der augenblicklichen Mode anpassen, die nach Irrationalismus gehtso ist es nicht gemeint. Ich meine nur, unsere Forderung nach Frömmigkeit ist heute leichter zu erheben und durchzusetzen, als etwa vor fünfzig Fahren. Damals war man im Bann des Nationalismus, im Rausch der Technik. Damals wurde mail mit all diesen Forderungen verlacht. Damals war mall im stärksten Hochmut des Denkens, daß dem menschlichell Geist Schritt um Schritt jedes Geheimnis entschleiert wird, daß der menschliche Verstand das einzig Gebietende ist. heut ist man Gott sei Dank weiter, man weiß endlich wieder einmal, daß der Verstand nicht das Letzte ist. Man ahnt Geheimnisse, man erkennt sie an und ist willig, in ihnen unterzutauchen. Man hungert nach positiven Gefühlen, nach Festigkeit und halt, man ist der Selbstherrlichkeit der individuellen Gestaltung des Lebens müde, man anerkennt Gemeinsamkeit und Gemeinsamkeitsgesühle. Nicht in dem Sinne, daß man nun einfach zum Alten zurückkehren solle, daß man also entweder in der Orthodoxie oder in der müden Mystik einmündet, sondern so, daß man dieses Irrationale als bestimmend und richtunggebend anerkennt, demgemäß die Ehrfurcht vor dem Gewordenen als einen hohen und sicheren Wert ansetzt, und dann, llm es nicht allein riesengroß ins Kraute schießen zu lassen, das Recht der Kritik und der ordnenden Wissenschaft gelten läßt. . Orthodoxie und Liberalismus muß das innere Verhältnis zu Gott und zur Geschichte gemeinsam sein. Das Wesen des Liberalismus ist es dann, in diese Stellung das Persönliche hineinzumischen. Unsere Aufgabe ist es, aus den rationalen und irrationalen Kräften die Synthese, die Diagonale zu erarbeiten. Auf diesen Versuch müssen wir jetzt alle unsere Kräfte richten. Wenn wir es versuchen, kann aus dem neu erblühenden Gemeinsamkeitsgesühl, aus dem Gehorsam gegenüber dem Irrationalen und der diesen Gehorsam ordnenden Verstandeskraft und wissenschaftlichen Arbeit das liberale Judentum erblühen, das heißt, Die Ausgestaltung des vorhandenen Willens ohne Vergewaltigung der Gegenwart und ihrer Bedürfnisse und ein Verbinden des Gemeinsamen mit dem Persönlichen/ das man.erfühlt und. bejaht. Hierauf folgt der Vortrag von Dr.- Salzberger-Franksurt a. M.: „Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum?" Ausgehend von der religiösen Notlage, in der unsere liberale Jugend - sich, befindet, versucht der Redner Mitte! und Wege zu zeigen, wie -diese/Jugend für das Judentum wieder gewonnen werden kann. Es gilt, der Jugend die Religion, nicht als etwas Fertiges darzubieten, sondern mit der Jugend gemeinsam die Religion äufzübauen. Mit dem Elternhaus ist der Anfang zu machen; Schulhaus und Gotteshaus stellen sodann die wichtigsten Stätten religiöser Belehrung und Betätigung dar. Auch das „Gemeindehaus" soll der "Jugend frühzeitig vertraut werden; und schließlich soll der Erzieher auch die. in der modernen Jugendbewegung liegenden sittlichen und religiösen Werte verständnisvoll fördern helfen. Eine Veranschaulichung, Verlebendigung und Verjügendlichung der Religion wird auch die Herzen unserer Kinder wieder gewinnen, nicht für ein Parteiprogramm, sondern für eine positiv jüdische Lebensauffassung und Weltanschauung?) . Mit Billigung der Versammlung folgen nunmehr, in nicht mehr öffentlicher Versammlung, die Referate Vogelstein, Freudentchal, Goldmann und Kahlberg. ' Vogelstein-Breslau referiert über „Unser Verhältnis zu der Vereinigung für das liberale Judentum und zu den jüdischliberalen Fugendvereinen." Er führt aus: - Von der wundervollen Höhe, auf die Dienemanns schöner Vortrag uns 'emporgehoben hat, muß ich Sie in ßie Alltäglichkeit -der Praxis zurückführen. Dienemanns Vortrag war uns wie eine Weihestunde, ein Feiertag. Aber Weihestunden und Feiertage sind nur gar selten und auf sie folgt nun einmal der nüchterne Alltag.- Doch Weihestunden und *) Der Vortrag wird in der nächsten Nummer im Wortlaut erscheinen.. . ■ , ■