Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 4-6 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 31 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitgliederversammlung d. L. d. l. R. D.: Dienemann, das Irrationale 31 ist, Fleisch in Milch zw verbieten, wenn man es in Mlanzenfett gestattet, so ist das einfach eine Lächerlichkeit. Diese Fragen sind, eben nicht rational zu lösen. Was ist also zu tun? Anbewußt' beachten wir ja alle insgesamt das Irrationale im jüdischen Leben schon wieder viel starker; bei der Leitung unserer Iugendvereine, bei der. Leitung des Gemeindelebens zum Beispiel legen wir vermehrtes Gewicht auf Veranstaltung , von - Purimfeiern, Chanukkafeiern, aufden Bau einer Laubhütte und ähnliches, Dinge, in denen wir als etwas Zeremoniellem nicht einen Mittelpunkt und den Selbstzweck -des Religiösen erschauen, aber wir tun sitz, weil wir. den Wert des Gefühlsmäßigen erkannt haben, weil wir erkannt haben, daß das Gefühlsmäßige sichin bestimmten, nicht ational zu wertenden,' nicht kritisch, zu ermessenden Formen auslebt, und zur Schafüng eigener Formen wäre nur ein Geschlecht ahig, das mythisch empfindet. Nun kann man Lus Grund solcher Erkenntnisse kein Programm rufstellen.' Aber man kann gewisse Anden-, ungen geben. Unsere Erziehung muß sich verschieben. Wir dürfen nicht in den Vorzergrund rücken, die Dinge, bei denen abzuschaffen, zu ändern, zu reformieren ist, wir müssen beginnen mit der Erzielung einer frommen Gesinnung. Man muß beginnen damit, daß man Gläubigkeit und. Frömmigkeit begründet. Wir haben auch^ bei den Richtlinien den Fehler gemacht, daß wir zuviel geredet haben von den Erscheinungsformen des Judentums und zu wenig von der Forderung, fromm zu sein. Es müßte eigentlich ein. Einrennen offener, Türen sein und ist es doch nicht, wenn ich es ausspreche, daß wir viel mehr Energie auf die Forderung legen müssen, daß unsere Juden innerlich fromme Menschen seirl sollen. Nicht daß man das im einzelnen. lehren könne, aber man kann es. vor-, leben und dazu erziehen, sich über gewisse Dinge selbst eine Klarheit zu erarbeiten. Der Jude von heut muß ein Verhältnis zu Gott neu gewinnen. All diese Verwässerungen von „Gottheit" und „Idee der höchsten Sittlichkeit" u. dgl. zermürben und vernichten das liberale Judentum, weil sie das Judentum auflösen. Man ■ hat jahrzehntelang geglaubt, man würde den Gebildeten das Judentum schmackhafter machen, wenn man sich in der Predigt von Gott den naturwissenschaftlichen >t Zedankengängen anpassen würde, oder wenn man ihn als sittliche Idee oder als unendliches Streben den Menschen näher bringt. Aber damit " lockt man keinen Hund vor den Ofen hervor und erzielt man keine Juden, die^ sich, als. Juden in die Entwickelung hineinstellen. Erst muß man beginnen damit, den Juden wieder Gott als eine lebendig wirkende Macht, als wirkende P e r s o n l i ch k e i t. hin- . zustellen. Ich spreche es mit Absicht aus, als Persönlichkeit. Dann muß man in ihnen den Willen, die Möglichkeit zu beten schaffest. Es kommt heut gär nicht in erster Reihe, daraus an, ob man deutschen oder hebräischen Gottesdienst gestaltet, es kommt daraus an, ob Juden auswachsen, die den Willen haben, ihren Gefühlen in Worten Ausdruck zu geben, die sich in Worten mit der Welt„ mit Gott und Mit sich auseinandersetzen wollen. Wir müssen fordern, ja fordern, denn je mehr man fordert, um so mehr hat man die Führung in der Hand, daß sie sich eine Religiosität erobern, das heißt, daß sie ein Verhältnis zur Welt und zum Leben, zu Gott und zu sich selbst gewinnen. Wir müssen erzielen, daß sie jüdische Geschichte nicht bloß lernen, sondern als ihre Geschichte e m p finden und sichim Geiste als ihre Träger und Fortsetzer fühlen, daß sie so ein starkes Gefühl der Gemeinsamkeit haben. Wir müssen erzielen, daß sie sich als Träger des Bundes mit Gott empfinden und betätigen, müssen erzielen, daß sie sich grundsätzlich zu dem Gesetzescharakter des Judentums bekennen. Sie müssen die Ideen des Judentums nicht als etwas Erklügeltes und Errechnetes, sondern in ihrer Denk- und Empsindungsform Lebendes, . als Offenbarung empfinden. In diesem Sinne meine ich es, wenn ich sage, wir müssen aus Glauben .und innere Frömmigkeit dringen, nicht daß ich einem katholischen credo quia absurdum das Wort rede, nein, aber daß eine innere Gläubigkeit vorhanden ist, ist eben unerläßliche Voraussetzung, sonst gibt es kein liberales Judentum, weil es ohne das kein Judentum gibt. .Das was wir liberal nennen, das Persönliche, das Sich-in-die-Zeit-Hineinstellen kommt dann schon mit innerer Naturnotwendigkeit, es kann aber erst kommen, wenn ein Fonds von jüdischen Gefühlen und Bewußtseinsinhalten da ist. Es war der Fehler, haß manche glaubten, mit Anpassung an das Bedürfnis der jeweiligen Gegenwart erziele man den stärkeren Willen, Jude zu sein und