Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 4-6 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 30 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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30 Mitgliederversammlung d. 8. d. l. R. D.: Dienemänn, das Irraüonale klare Einsicht in die unbedingte Notwendige feit, Gemütswerte zu erzeugen .und zu bedachten. Dementsprechend ging der ganze Zug daraufhin, die Einrichtungen des überliefere ten Judentums auf ihre Brauchbarkeit und Zeitgemäßheit zU untersuchen. Darauf wurde das entscheidende Gewicht gelegt, und die Fragen der inneren seelischen Stellungnahme, der Gläubigkeit, wenn Sie es so nennen wollen, der 'Erarbeitung eines persönlichen Verhältnisses zur Welt wurden als gleichgiltig in den Hintergrund gedrängt. Vielleicht . machen wir es uns an zwei charakteristischen Beispielen klar: Wie unendlich erbittert wurde über die Frage der Gebetssprache gestritten! Wollteman sie beantworten, so wählte maü zu ihrer Entscheidung die Untersuchung über die Gesetzmäßigkeit des Betens in einer anderen Sprache als der hebräischen. Demgemäß stellte man die Kernfrage so:' Ist es nach jüdischem Gesetz geboten, nur in der hebräischen Sprache zu beten, oder ist es nach jüdischem Gesetz gestattet, auch in einer fremden Sprache zu beten? Darauf durfte man mit dem größten Rechte, der Welt antworten: Ja, jede Sprache ist gestattet, das Hebräische ist nicht obligatorisch und war es nie. Vor Ihnen als Kundigen brauche ich ja das alles nicht weiter zu erörtern. Tausend Gründe sprachen für das Gebet in der Landessprache. Die Antwort war also richtig. Aber was war damit gewonnen? 2m Grunde gar nichts. Man hatte rein rational gedacht,- hatte sich vernunftgemäß vorgestellt, man würde umsoeher beten, je besser man den Text versteht. Was man aber zu wenig in Rechnung stellte, war das Irrationale des Gefühls, das am Hebräischen hängt, jenes Irrationale, das aus allerlei Quellen gespeist wird, bald aus dem Schauer vor etwas als altehrwürdig Gedachtem, bald aus dem Gefühl für das Geheimnisvolle, bald aus einem Gefühl für das Merkwürdige, das gerade in einer unverstandenen, halbverstandenen Sprache mitschwingt, es sind lauter Dinge, die nicht zu erklären sind, aber sie sind nun einmal da und haben den Willen .bestimmt. Wie stark sie sind, sehen wir doch an den vielen jungen Leuten, die, ohne zionistisch orientiert zu sein, nach Kenntnis der hebräischen Sprache langen, und wenn auch bei vielen der Ernst der Arbeit nicht/mit dem geäußerten Wunsch übereinstimmt, es ist doch schon etwas, daß sie zu uns kommen, um hebräisch lernen'zu können. -Nehmen wir ein, zweites Beispiel: Die Frage der Verbindung des Sabbaths mit dem Sonntag. Da wurde die Frage -gestellt: Darf man am Sonntag einen 'Gottesdienst mit Thoravorlesung halten? Was war damit gewonnen, daß mau ganz richtig geantwortet hatte, ja, es ist erlaubt? .Wenn man nur kühl Vernunft walten läßt, sprachen unendlich viel Gründe dafür. Aber das hieß, die Frage rational betrachten. Selbst als Abraham Geiger die Verlegüng ablehnte, tat er es aus einem' erheblich rationalen Grunde, weil, wie er es sehr schön und treffend formulierte, das ein Anerkenntnis der Herrschaft der christlichen Kultur bedeuten würde, wenn man den Sabbath auf den Sonntag verlegen würde. Es fehlte an der Erkenntnis, daß bei dieser Frage eine Menge von irrationalen Motiven Mitschwingen, die, weil sie irrational sind, zwar nicht erklärbar, aber vorhanden sind und eben um ihres Irrationalen willen sich der Diskussion entziehen. Es ergibt sich also, daß ' man die Bedeutung der Wissenschaft für die Gestaltung des Religiösen weit überschätzt hat. Daß die Wissenschaft auf irgend eine'Frage eine bestimmte Antwort gibt, bedingt noch lange nicht, daß nun auch das praktische religiöse Leben nach dieser Antwort geregelt wird^ Die Wissenschaft betrachtet eben ihre Objekte kühl und rational, und das Religiöse ist in seiner Wurzel irrational. Rational gedacht,' kann man zujn Beispiel das Beten fast gar Nicht erklären, und doch treibt den Menschen, wenn er religiös empfindet, irgend ein Verborgenes in ihm zum Gebet, zur Aussprache, etwas — nun eben Anerklärbares, Irrationales, das mächtiger ist als alle Vernunftgründe. Hier an dieser Stelle müssen wir mit unserer eigenen Erkenntnis einsetzen. Wir müssen uns selbst eingestehen, daß die Methode nur in gewissen Grenzen richtig war und müssen entschlossen auch die andere Seite besser beachten. Wenn wir zum Beispiel im Jahrgang 1910 unserer Zeitschrift, die dochein Spiegelbild unseres Denkens sein sollte, einen Aufsatz finden, der eine Frage der Speisegesetze dadurch zu entscheiden sucht, daß die Zusammensetzung des Milchfettes und anderer Fette chemisch untersucht wird, und aus der Erkenntnis, daß die Zusammensetzung die gleiche ists den Schluß zieht, daß es also Nicht angebrach i